Der Eurovision startet in die Saison 2018.

Für die meisten ist dieser Event vermutlich nur eine einzelne, unbedeutende TV-Abendshow irgendwann im Mai. Wenn dann auf Dannimax.de schon im November ein erster Artikel zum Event am 12. Mai 2018 in Lissabon erscheint, mag sich der ein oder andere wohl die Augen reiben und sich denken „ist der irre?“ Vor allem, wenn er sich dann auch noch entschuldigt, dass er mit seinen Infos eigentlich viel zu spät dran ist. Wobei die Information, dass der ESC seit heute mit dem offiziellen Slogan „All Aboard“ wirbt und 42 Länder daran teil nehmen werden wirklich von heute ist. Aber all zu wichtig wird das den meisten nicht sein. Und tatsächlich beginnt so eine ESC-Saison – zugegeben gemächlich – im Oktober und sorgt für erste Schlagzeilen. Und die sind durchaus lesenswert. Vor allem, was den deutschen Teilnahmesong betrifft.

Das NDR um Intendant Thomas Schreiber versucht sich dabei auch in dieser Saison notgedrungen mal wieder neu zu erfinden. Jüngst hat man ein komplett neues Ermittlungskonzept präsentiert, mit dem es beim ESC nun endlich wieder aufwärts gehen soll. Von einem „Radikalen Neuanfang“ war die Rede. Betrachtet man die Erfolge der letzten Jahre durchaus verständlich. Und wenn man betrachtet, was der NDR da vorhat, dann „könnte“ das vielleicht wirklich klappen. Um nicht zu sagen: ich bin latent begeistert.

Am spannendsten ist dabei wohl die Bildung eines 100-köpfigen Europa-Panels. Über das Internet werden dabei bis zu 10.000 Leute angesprochen und über ein mehrstufiges Auswahlprocedere die besten ausgewählt. Dieses Panel entscheidet nun von der Vorauswahl aller Kandidaten bis zur finalen Abstimmung in der Sendung über den deutschen Beitrag. Bewerben kann man sich für das Panel nicht, aber vor kurzem war auf der Facebookgruppe von Eurovision.de ein Link zu sehen, bei dem man zumindest an einer Umfrage teilnehmen konnte. Natürlich habe ich an dieser auch sofort teilgenommen, man wurde neben Basisdaten wie Alter, Ausbildung, Musikgeschmack und ähnlichem gleich getestet, in dem man jeweils sechs Ausschnitte von Songs aus den letzten beiden Jahren zunächst nach Gesamtkonzept, Ausstrahlung des Musikers, Qualität des Songs und des Bühnenauftritts bis zu 100 Punkte geben konnte und am Ende ein persönliches Ranking erstellen durfte, mit der Frage, ob man sich die Songs kaufen/runterladen würde und ob man sie schon kannte. Ich bin mal gespannt, ob ich nach meiner Auswahl überhaupt angeschrieben werde. 😉 Sie haben die Leute auch mit den Gewinn zweier Iphones motivieren wollen. Nicht ganz verwunderlich, Leute wie mich, die sowas für Umme machen würden sind vermutlich selten. Wer auch Teil des Panels werden will, klicke übrigens mal hier hin. http://www.myonlinestudy.eu/jury/cgi-bin/ciwweb.pl?hid_studyname=jury&hid_pagenum=0

Wie auch immer, dieses Panel wird bei der finalen Abstimmungsshow nun noch von den Telefonvotern und einer internationalen Jury begleitet. Das Procedere kann man wohl als „Melodienfestivalen deluxe“ beschreiben, denn damit ähnelte es dem schwedischen Votingsystem doch schon sehr. Bis zum gestrigen 6ten November konnten sich nun entweder Künstler selbst bewerben oder einen anderen Musiker vorschlagen, ebenso stand dies Komponisten, Produzenten oder Plattenfirmen zu. Das Europapanel wird nun aus diesen Leuten 20 Personen auswählen, damit so auch persönliche Vorlieben oder ein rein nationaler Musikgeschmack nicht über all das entscheidet. Von da an übernimmt dann das NDR wieder und wird mit den Leuten mal ins Tonstudio gehen und auf die Suche nach einem Song gehen, der zu den Leuten passt. Man könne aber auch den eigenen Song mitbringen. Letztendlich werden 5 Interpreten das Finale bestreiten.

Ich bilde mir allerdings ein wenig ein, dass an genau dieser Stelle noch eine Panne passieren könnte. Dieses „ihr könnt den eigenen Song mitbringen“ wirkte irgendwie ein „joooaa…. Geht schon, wenn es unbedingt sein muss…. Aber eigentlich wollen wir viiiiiel liiieber unseren Kram machen.“ Dem Europapanel sämtliche Verantwortung zu übergeben wäre ein viel zu großes Risiko und schon die bisherige Möglichkeit, sich einzubringen ist bereits durchaus als revolutionär zu bezeichnen. Ebenso ist es natürlich gut, dass irgendwann die Profis übernehmen. Aber genau diese Profis haben halt auch Dinge wie Cascada oder „Perfect Life“ verbrochen. Die Vergangenheit der letzten 5 Jahre ist voll von teils bedeutungsschweren Missverständen.

Zur Erinnerung, 2017 hatte man versucht, der Internetbewerberin Levina einen Song von den Machern hinter David Guetta aufzuzwingen, denn wer mit solchen Songs so viele Platten verkauft wie Guetta ist ja too big to fail. Um die längst breitgetretene Massenware dieses seelenlosen Songs noch zu unterstreichen, kleidete man die unerfahrene Künstlerin in ein nicht gerade aufregendes Kleid in grau und gipfelte diese Aneinanderreihung von Fehlern mit einer Frisur, mit der sich nicht mal Cindy aus Marzahn oder die Flodders auf die Straße getraut hätte.

Das schlimme daran ist, dass die völlig logischen 6 Punkte und der damit zusammenhängende vorletzte Platz nicht nur eine Verbesserung zu den beiden Vorjahren darstellte, sondern tatsächlich sogar der Beweis einer bereits positiven Entwicklung im Vergleich zu den vorherigen Saisons untermalte. Im Vorjahr wollten sie erst Reichsbürger Xavier Naidoo auf die Bühne stellen, um sich nach einem Sturm der Entrüstung dann sich ganz auf die Universal-Populärmedien zu verlassen und Voice of Germany Siegerin Jamie Lee nach Stockholm zu senden. Scheinbar unter der Prämisse „was man einmal wählt, wählt man auch ein zweites mal“ versuchte man hier nun, dem knalligen, farbenfrohen Mangamädchen einen düsteren Song aufzudrücken und stellte sie auf der Bühne in einen düsteren Wald und setzte ihr einen geradezu weihnachtlichen Kopfschmuck auf. Man raubte der durchaus talentierten 17-jährigen mit diesem Auftritt all das, was sie ausgemacht hatte und kassierte die Quittung – Platz 26. Letzter.

Das übrigens zum zweiten Mal in Folge, wobei ich dem NDR bei dem 0-Punkte-Desaster von Wien nur bedingt Schuld geben würde. Wer konnte schon ahnen, dass es mal notwendig werden würde, dass man bei einer Show, in der es darum geht, einen Teilnehmer für den ESC zu finden auch vorher sich dahingehend vertraglich absichert, dass der Sieger der Show dann auch wirklich hin gehen wird. Wenn man dann gezwungen ist, einen Song zu schicken, der zweiter wird, gegenüber einem Song, der sogar noch dann 78 % aller Anruferstimmen erhielt, als der Interpret diesen bei 40 Grad Fieber vorgetragen hatte, dann kann man kein gutes Ergebnis erwarten. Noch viel weniger, wenn ausgerechnet dann noch nahezu 10 Songs anderer Länder eine solch überdimensional gute Qualität hatten, dass sie in jedem anderen Jahr gewonnen hätten. Ich hätte ja an der Stelle Barbara Schöneberger gefragt, ob im Moment der Absage von Andreas Kümmert es nicht klüger gewesen wäre zu sagen „darüber reden wir noch mal, jetzt Feier erstmal deinen Sieg und werde danach gesund.“ statt eigenmächtig zu entscheiden, dass nun Ann Sophie nach Wien geht. Ich bin mir eigentlich recht sicher, dass drei Grad weniger Körpertemperatur und ein saftiger Scheck auch einen Andreas Kümmert erfolgreich umgestimmt hätten.

Man könnte an der Stelle die Fehlerkette der letzten Jahre eigentlich auch noch komplett machen und kurz auf die Nominierung der seelenlosen Ballermann-Kopie-Truppe Cascada in 2013 und dem Unheilig-Unfall von 2014 eingehen, als der vermutlich nur als Alibi-Beitrag geplante Youtubeact Elaiza mit einer solch herzerfrischenden, authentischen Nummer daher kam, dass damit die Hoffnungen der Plattenlables, auf kosten internationalen Erfolges einfach mal irgend einen Hirnpups national zu vermarkten und damit den ESC als billige Bühne zu missbrauchen wie eine Seifenblase zerplatzte. (Als Dankeschön hatte man scheinbar daraufhin „ganz überraschend“ völlig versäumt, den Act international zu vermarkten. Und jetzt wird es interessant. Denn tatsächlich sind diese gemachten Fehler tatsächlich Zeugnis eine Art Entwicklung. Mehr noch eine, die in die richtige Richtung geht.

Denn wenn man die Auswahlmethoden betrachtet, dann ist in jedem Jahr eine Art Abnabelung weg von der kapitalistisch orientierten Musikindustrie hin zu einem speziell für den Event konzipierten Song / Gesamtwerk zu bemerken. Man kann den Machern beim NDR nicht wirklich vorwerfen, den gleichen Fehler zweimal gemacht zu haben. Nach Cascada reifte die Erkenntnis, dass internationale Plattenverkäufe und eine Kopie des Vorjahressiegersongs nicht ausreichen. Mit Elaiza reifte die Erkenntnis, dass es ein gewisses Maß an Glaubwürdigkeit, aber auch ein gutes Marketing braucht. Die Glaubwürdigkeit hätte auch Kümmert mitgebracht. Und das Marketing hätte das Plattenlable erledigt. Mit dem Desasterjahr 2016 begann die Abnabelung von den profitorientierten Musiklables hin zur Eigenkontrolle über den Song. Und vermutlich wird nach 2017 auch bei der Songwahl was passieren, weg von der Massenware hin zum Gesamtpaket.

Gerade der Siegersong aus Portugal dürfte da als ideales Vorbild dienen. Ein Song, den Luisa Sobral – im Composerbusiness wohlmöglich eine kleine Leuchte, aber nichtsdestotrotz für ihr Composing nach vielen Jahren Komponierstudium in New York mehrfach prämiert – eigens ihrem eigenen Bruder auf den Leib geschrieben hat. Ein Song, der mehr Punkte eingefahren hat als je ein Song beim ESC zuvor, obwohl er auf portugisisch gesungen wurde, obwohl er in keinem Radio zu hören war und obwohl er schlicht daher kam ohne digitale Effekte und obwohl er vom Stile her auch aus den 50er Jahren hätte sein können. Auch im Vorjahr zeigte der Siegersong von Jamala, dass man ohne Glaubwürdigkeit beim ESC keinen Blumentopf mehr gewinnt. Die Leute haben genug von plastischen Auftritten und bedeutungsloser Musik. Sie wollen etwas fühlen.

Es ist natürlich dennoch illusorisch, mit dem neuen Verfahren gleich einen Gewinner zu finden, der in die Schuhe eines Salvador Sobrals schlüpfen könnte. Um zu gewinnen braucht man zusätzlich zu all diesen Faktoren, die vom NDR jetzt tatsächlich an den richtigen Stellen gesucht wird eben auch noch „IT“. „IT“ kann man nicht trainieren. „It“ hat man oder man hat es nicht. Genau wie Lena damals einfach „It“ hatte. Aber dass sich Deutschland mal wieder irgendwo zwischen Platz 10 und 20 wieder findet, wäre durchaus schon eine positive Weiterentwicklung, die ich mit diesem Konzept möglich hielte. Natürlich braucht es auch noch Eventmarketing im Ausland sobald der Song mal feststeht. Und bei aller Weiterentwicklung sollte man nicht vergessen, dass wir in den Jahren 2010 bis 2012 dreimal in den Top 10 standen und einmal sogar gewannen, es also zuvor scheinbar durchaus andere Konzepte gab, die genau so funktionieren können. Es ist daher immer noch schwierig zu sagen, an welcher Stelle genau irgendwo etwas seit 2012 schief läuft. Schwierig zu sagen, was Raab und seine Firma Brainpool konnten, was das NDR einfach nicht auf die Kette bekommt. Anderseits könnte ich aktuell auch nicht sagen, was man auf der Seite des NDR aktuell noch besser machen könnte. Das neue Konzept klingt auf jeden Fall durchdacht. Man darf entsprechend gespannt sein, was dabei raus kommt.

Und für all diejenigen, die sich als Musiker bewerben wollen und sich nun ärgern, dass der 6te November ja nun vorbei ist… auch San Marino hat einen europaweiten Aufruf gestartet und sucht nach Sängern. 😉 Das bedeutet zwar vermutlich eine Zusammenarbeit mit Ralf Siegel, aber hey… wenn der ESC ruft… ^^

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