Kulturfestival der Pannen und Qualen – Festival i Këngës 56

Ohja, sie hat nun auch offiziell musikalisch begonnen. Das zweite große Thema meines Blogs. Die Eurovision-Saison. Traditionell kurz vor Weihnachten wird in Albanien der erste Song ermittelt, der am 12. Mai in Lissabon Teil der Eurovision-Geschichte wird. Das ganze via einem Festival, dass Ähnlichkeiten mit dem italienischen San Remo Festival hat. Und natürlich habe ich mir das ganze angeguckt. Mich erwartete ein Event, der aus der Perspektive eines Deutschen verwirrend pannenreich war.

Oder sagt man unkonventionell? Tatsächlich hat das Festival i Këngës den Effekt, dass ich – gerade als Deutscher für den ja immer alles perfekt sein muss und wo eine solche Show auf die Sekunde genau getaktet ist – die Gelegenheit erhalte, mich aus der eigenen Comfort-Zone heraus zu bewegen und über den Tellerrand zu gucken. Als „Kosmopoli“ fühlen ist ja manchmal auch was feines. Und ich habe feststellt – So eine Show läuft auch, wenn den Hosts der Faktor Zeit scheiß egal ist. Wenngleich ich zugebe: Einfach zu ertragen ist diese Show damit nicht immer. Zumindest scheint das Prinzip eines Spannungsbogens dem albanischen Sender Radio Televizioni Shqiptar (RTSH) völlig Fremd zu sein.

Das wurde beim ersten Halbfinale, dass ich mir am Donnerstag angesehen habe besonders deutlich. Da wurde es schon in der Vorbereitung auf den „FiK“ kompliziert. Hilfreich dabei, den richtigen Live-Stream zu finden ist dabei die ESC-Technisch oftmals allwissende Chatcommunity auf www.escgo.com . Hier treffen sich zu solchen Events meistens zwischen 20 und 30 Leute und haben dann auch ihre eigenen Tippspiele oder erstellen kleine Rahmenprogramme. Und wie es sich für einen ESC gehört lassen sie an den gezeigten Auftritten kein gutes Haar und kritisieren, was das Internet an Worten dafür her gibt. (Natürlich loben sie auch). Doch das erste Halbfinale wäre für uns fast zur Noshow geworden, denn der HD-Livestream von RTSH wie auch der zur Verfügung gestellte Youtube-Livestream bufferte so stark, dass man das gesehene höchstens als besseren Dia-Vortrag bezeichnen konnte. Immerhin ist der Sender technisch so aufgestellt, dass es auf Facebook auch noch einen weiteren Stream gab, der verwunderlicher Weise fast ruckelfrei lief. Da war aber auch schon eine halbe Stunde des Këngës vergangen.

„Zum Glück“ haben die Albaner es ja wie gesagt nicht mit Zeitmanagement. Es dauerte eine geschlagene Stunde, bis der erste Teilnehmer an der ESC-Quali überhaupt auf die Bühne durfte. Davor wurde die Show in einem Mischmasch von Albanisch und Italienisch abgehalten. Für den außenstehenden Zuschauer wahrlich schwer zu begreifen. Ich wusste, dass die Albaner eine engere Verbindung zu Italien haben, wenngleich ich nicht weiß, woher diese kommt und welche Formen das annimmt. Aber dass man teilweise in die Sprache des Nachbarlandes wechselt, ohne diese zu untertiteln geht über das hinaus, was wir deutschen kennen, wenn wir die Gäste aus Österreich und der Schweiz grüßen. In Deutschland wird schon beim Englisch ein Dollmetscher drüber gehauen, wenn es nicht geht. Doch in Albanien kann vermutlich einfach jeder Italienisch, warum auch immer. So ist es auch zu erklären, dass ein italienischer Chansonnier, gefühlte 1,40 m groß gleich zwei Lieder auf dem Klavier geben durfte – auf italienisch natürlich – und danach minutenlang auf italienisch interviewt wurde. Es folgten diverse Intervallakte. Die nahezu alle besser waren als das, was dann als Songbewerbung für den ESC folgen sollte.

Der Këngës ist tatsächlich eine Veranstaltung, die sich selbst als sehr Kulturbewusst gibt. Seit Rona Nishliu mit ihrer eigentümlichen Powerballade Suus 2012 beim ESC einen 5ten Platz erreichte, haben dort durch die Bank weg Balladen oder Kunstvoll gestrickte Songs den ersten Platz belegt. Da solche Semifinals aber auch dazu da sind, die Spreu vom Weizen zu trennen, kann ein ganzer Event davon gerne auch mal sehr qualvoll sein. Am Ende endete der Event nach etwa drei Stunden mit dem letzten Song. Es wurde nicht einmal verkündet, wer nun ins Finale kommt. Das kam erst nach dem zweiten Halbfinale am Folgetag. Wenig überraschend habe ich das mal vergehen lassen. Und tatsächlich war das erste Halbfinale so schwere Kost, dass ich mir eigentlich vorgenommen hatte, auch die Hauptshow sausen zu lassen. Aber was soll man sonst schon an einem Samstag, einen Tag vor Heiligabend machen.

Schwere Kost

Da war er dann also. Die 56ste Auflage des Festival i Këngës. 14 Songs. Von denen genau zwei wirklich gut waren, so viel will ich vorweg nehmen. Dennoch empfand ich den Event Songtechnisch nicht mehr als solche Vollkatastrophe wie zwei Tage zuvor. Das mochte auch auch daran liegen, dass ich die 90 Minuten zuvor während meines Hattrickspiels auf latehome.de die Top 20 aller Weihnachtslieder gehört habe. Aber auch technisch war alles in Ordnung, die Streams liefen Ruckelfrei und der erste Teilnehmer durfte schon nach 30 Minuten sein Lied trällern. Wenngleich nicht unbedingt zu meiner Freude. Redon Makashi hatte ich mit seinem Song Ekziston bereits im ersten Halbfinale gesehen. Er war der Schlussakt und hatte dort die Cochones, mitten in seinem Auftritt auf einmal „Stop Stop Stop“ zu rufen und danach dem unter der Bühne aufgestellten Orchester vorzuwerfen, es würde nicht richtig spielen, nur um dann den Song von vorne starten zu lassen. Als wäre das ne Trainingsnummer. Nun begann er seinen Auftritt damit, nach nur zwei Noten gleich wieder „Stop Stop Stop“ zu rufen und dann klar zu machen, dass das nur ein Scherz gewesen sei, alles in Ordnung. Das kommt nicht unbedingt cool, wenn man die Ausstrahlung eines albanischen Gebrauchtwagenverkäufers hat, wissend, dass er einen übers Ohr hauen wird. Der Song selbst war tatsächlich ok. Dennoch war der Typ bei mir unter einem Begriff abgestempelt, der mit A… anfängt.

Es folgten einige Auftritte, die wie gesagt aus deutscher Sicht eine wahre Sünde darstellten. Festina Mejzini wurde in ihrem Duett namens „Tjetër jetë“ mit Sänger „Na“ so überschminkt, dass ihre Haut Olivfarben schimmerte, Tiri Gjoci wurde in ein unfassbar stilloses pinkes Kleid gepackt, Bojken Lako klang aus wie Eddie Vedder, sah auch so aus, sang aber nicht die gleichen Songs und hatte den eigenartigen Tick, sein Gesicht STÄNDIG hinter dem Mikrophon zu verstecken, sodass man eigentlich immer nur seine Haare sah. (Bei dem Gesicht allerdings durchaus verständlich). Manjola Nallbani wiederum schien besonderes Gefallen am Wort „Dashuri“ zu haben. (Wie auch der ganze Chat, welche durchaus Bewunderung für die albanische Sprache aufbrachte. Nächstes Jahr wäre ein „Dashuri-Trinkspiel“ für so manchen eine perfekte Methode, um sich vollends abzuschießen. ) Manjola zumindest ließ das albanische Wort für Liebe gefühlte 50 mal in ihrem Song vorkommen. Und bevor ihr euch nun fragt, wieso ich eigentlich Albanisch kann, einer im Chat konnte Albanisch und hat uns freundlicherweise die wichtigsten Stellen übersetzt. Die Vorteile einer Internationalen Chatcommunity. Wobei viele Sachen auch einfach universal funktionieren und das Gefühl auch nicht wich, dass im albanischen auch der ein oder andere deutsche Begriff wieder zu finden ist. Mein Persönlicher Favorit an diesem Abend war die erst 16-jährige Inis Neziri, die eine Powerballade namens „Piedestal“ trällerte, welche vom Song her tatsächlich sich wie tausendmal gehört anfühlte, durch das Talent der kleinen aber so krass aufgewertet wurde, dass ich sie wirklich gerne in Lissabon gesehen hätte. So viel will ich verraten, sie wurde nur dritte.

Und auch im Zwischenprogramm gab es verblüffende inkonsistenten. Die ersten drei vier Acts wurden jeweils nebst Composer von einer hübschen jungen Frau in einem schönen Dress angekündigt. Nach der ersten Werbepause wurde diese Frau aber einfach weg gelassen. Einem weiteren Intervallact ging irgendwann das Mikro aus, da waren scheinbar die Batterien alle. Was erst dadurch richtig skurril wurde, dass direkt danach die Moderatoren Werbung für Vodafone machten und Vodafone dankten, dass die Technik hier so gut laufen würde. Wohlgemerkt, in dem sie ein Smartphone in die Luft hielten und auf dem Minimonitor wohl der Technische Leiter von Vodafone zu sehen war, der sich darüber freute, solch eine spannende, packende Show zu sehen. Womit klar war, dass diese Type nicht eingeschaltet hatte.

Zugegeben, für Albanische Verhältnisse könnte dieser Këngës tatsächlich Pannenfrei abgelaufen sein. Auch wenn danach die Moderatoren danach gleich mal ihre Mikros austauschen mussten, da auch denen der Saft ausging. Aber von solchen Zuständen hätte im Vorjahr ein Act träumen können. Dem haben sie quasi die Gitarre ab gestöpselt, er sang seinen Song quasi Acapella, ohne es aber zu merken, weil zumindest er selbst seine Gitarre ja wunderbar hören konnte. Als einziger auf der ganzen Welt. Solche Pannen scheinen beim Këngës also durchaus Tradition zu haben. Und es erklärt auch, warum das Festival für ihren Siegersong ausschließlich eine Jury nutzt. Im Vorjahr wurde wohl das Experiment „Televoting“ ausprobiert und scheiterte so eklatant an technischen Schwächen, dass man sich ganz schnell wieder davon verabschiedete.

Aber statt komplett zu altbewährtem zurück zu kehren, nahm man stattdessen – scheinbar typisch Albanisch – Änderungen an der Dramaturgie vor. Kaum, dass der letzte Song gesungen war und die Juroren in ihre Votingräume entlassen wurden, gab es den erneuten Beweis, dass Dramaturgie völlig überbewertet wird. Eine Show geht auch ohne. So wurde zunächst eine in Albanien wohl sehr berühmte Opernkünstlerin auf die Bühne geholt und 20 Minuten Interviewt, da durfte sie über Vivaldi und Mozart reden. Und das tat sie. Als hätte sie die beiden persönlich gekannt. Zwischendurch sang sie auch gleich drei Stücke. Ohja, Singen konnte die Frau. Aber die drei Lieder waren so traurig, dass es ein Wunder ist, dass sich an diesem Abend nicht halb Albanien die Pulsadern aufgeschnitten hat. Und so gut sie singen konnte, es war enervierend, ihr beim Reden zuzuhören. Und damit hörte sie nicht auf. Danach wurde der Sieger verkündet, in dem einfach nur ein Umschlag aufgemacht wurde. Weder wurden die Interpreten auf die Bühne geholt, noch gezeigt. Man verzichtete allerdings auch auf das einblenden einer Exceltabelle (!) zur Punkteermittlung wie noch vor wenigen Jahren. Nach dem Sieger wurde noch der zweite und dritte Platz verkündet, also dann, wenn es keinen mehr interessiert. Dann gabs immerhin noch den Auftritt der Sieger – welcher auch durchaus verdient war. In meinem Persönlichen Ranking stand Eugent Bushpepas Song „Mall“ (was so viel wie „Nostalgie“ bedeutet) der dritten Inis Neziri in fast nichts nach.

Ein Song, der durchaus Catchy ist. Vor allem aber tendieren die ALbaner dazu, Songs in der Landessprache für den ESC nochmal in ENglisch umzutexten. Normalerweise leidet der Song darunter, dieser könnte mit einem englischen Lyric aber durchaus weit kommen. Zudem wirkt der Sänger auch durchaus sympathisch und einigermaßen natürlich. Der zweite Platz ging tatsächlich an den schmierigen Autoverkäufer, was im Chat vom Albaner auch schnell erklärt wurde. „Er hat von allen das meiste Geld…“ Ja, Redon Makashi scheint sich treu zu bleiben, die Korruption in Albanien ebenso. ^^ Und natürlich auch die Pannenserie. Die Show zumindest war VOR der kalkulierten Zeit vorbei. Erneut, für deutsche Undenkbar. Sie dauerte trotzdem unnötige drei Stunden und wird bei mir als Pannenfestival in Erinnerung bleiben. Aber so ist die FiK nun mal. Und daher bereuhe ich es auch nicht, mit den Abend damit um die Ohren geschlagen zu haben. Ende Januar geht’s nun vermutlich mit Litauen weiter. Und bis dahin erfreue ich mich an einem Song aus Lettland, den man meiner Meinung nach ziemlich sicher auf der Rechnung haben sollte. Madara mit Esamiba.

Dem Rest wünsche ich auf diesem Wege ein frohes Fest und einen guten Rutsch ins neue Jahr. Vielen Dank, dass ihr meine Blogartikel gelesen habt. Im nächsten Jahr geht’s weiter.

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