Das E in ESC steht für „Enttäuschung“

Ja, dieses Musikfestival kann schon ganz schön mit den Gefühlen spielen. Die genaue Aufschlüsselung dieser Abkürzung könnte dabei sehr gerne für „Enttäuschung, Spannung, Chaos“ stehen. Es ist schon spannend, wenn am Ende die Punkte vergeben werden und man nicht weiß, wer gewinnt und dennoch im Sekundentakt Leute frenetisch jubeln sieht. Es wirkt Chaotisch, weil man in der Regel nie nachvollziehen kann, warum ein bestimmter Act auf einmal so viele Punkte bekommt. Und am Ende gewinnt in der Regel auch nie der persönliche Favorit. Das oder man ist bereits so sehr vom Abend gequält worden, dass man einfach darüber enttäuscht ist, seine Zeit mit dem Event verschwendet hat. So auch am Wochenende, als ich mir die nationalen Vorentscheide zweier „Big 5-Nationen“ angesehen habe. Frankreich und Spanien.

Den Anfang machten dabei unsere westlichen Nachbarn. Diese brachten die Show „Destination Eurovision 2018“ auf die Beine, was für französische Verhältnisse eine seltene Angelegenheit ist. Denn normalerweise bestimmen die Franzosen einfach ihren Act und machen keine Qualifikation. Es gab sogar zwei Halbfinals, offensichtlich haben sich die Franzosen eine menge Vorgenommen. Sechs Kandidaten packten es ins Finale. Moderiert vom Kanadischen Sänger Lupue Garou (heißt soviel wie Werwolf) gab es ein dreiköpfiges Expertenpanel, deren Aufgabe ähnlich ist wie die der Expertenjury in Deutschland. Sie haben keine Stimme, sondern sollen einfach nur die Teilnehmer über den Klee loben und durch rhetorische Stilblüten den Wähler so beeinflussen, dass sie am ende für ihren liebsten Kandidaten wählen, bzw. den, den man am besten vermarkten kann.

In dem Fall war das vermutlich ihr frischer Voice-of-France-Gewinner Lisandro Cuxi. Den scheint das Popbusiness wohl als eine art französisch-Kapverdischen Justin Bieber aufzuziehen und haben ihm entsprechend die biebereske, völlig künstliche Nummer „Eva“ auf den Leib geschrieben. Mir wurde Lisandro von einer guten Freundin empfohlen, die als Belgierin die französischen Voice-Ausgaben natürlich genauestens verfolgen konnte und so zum Fan wurde. So ganz nachvollziehen konnte ich das anhand des gesehenem und gehörtem nicht. Aber irgendwie war die Show trotzdem so, wie man sie aus Deutschland in den Vorjahren kannte. Die Konkurrenz schien so gewählt, dass sie keine ernsthafte Konkurrenz darstellen sollte.

Dabei hatten die Teilnehmer durchaus chancen, sich zu beweisen, denn vor ihrem Auftritt durften sie alle ein Duett mit einem Star der französischen Popindustrie abhalten. Das lief nicht immer zu ihren Gunsten, so wurde das jämmerliche Stimmchen des Starting-Acts Louka von niemand geringerem als Maître Gims in Grund und Boden gesungen. Ein Bockstarkes Duett zwischen Emmy Liyana und einem Sänger namens Slimane brachte die Erkenntnis, dass es leider nicht Slimane war, dem man nun wieder sehen würde, sondern die mit einem Millimeterhaarschnitt ungünstig gesegnete Emmy. Wobei ihr song in Ordnung war. Und vielleicht hat dieses Duett auch eben jenem Lisandro Cuxi den Event gekostet. Sie packten ihn in ein Duett mit Nolwen Leroy und ließen sie Zombie von den Cranberries schmettern. Ein Act zum Fremdschämen. Die Emotionen dieses Songs blieben völlig auf der Strecke, als wüssten die beiden gar nicht, was Dolores O’Riordan da überhaupt besungen hätte. Dieser musikalische Act der Leichenfledderei gekoppelt mit einem Justin Bieber Auftritt sorgte dann für eine Überraschung mit einer für Frankreich bitteren Randnotiz.

Denn auch Frankreich hat sich das Voting frisch vom schwedischen Musikfestivallen abgekupfert – so wie Deutschland in diesem Jahr auch. Die Juroren sind Musikexperten aus ganz Europa, verteilt auf Isländer, Armenier, Russen, Weißrussen, Italiener, Schweizer und und und. Jeder gab seine Punkte und am Ende sah es alles nach dem erhofften Lisandro-Cuxi sieg aus. Doch das Publikum hatte 50 % der Stimme. Und der junge von den Kapverdischen Inseln fand sich in deren Ranking urplötzlich nur noch auf Platz 3 wieder. Noch nicht weiter schlimm, da die ärgste Konkurrentin Emmy Liyanna sogar nur 5te von 6 Teilnehmern wurde und von Rang 2 auf Rang 4 abstürzte.

Die zweitmeisten Stimmen hatte der zuvor von den Juroren abgestrafte Malo, obwohl er an dem Abend nicht nur mein Favorit durch den sehr westlich geprägten Song „Ciao“ war, sondern auch ein traumhaft gutes Duett mit „Cats on Trees“ hatte. Eigentlich nur noch getoppt durch „Nassi“, der ein Duett mit den Gipsy Kings hatte. DIE Gipsy Kings. Wirklich, diese Gascogner haben es immer noch drauf! Der schock folgte aber zum Ende. Vorher noch auf vierter Position, weit hinter Lisandro gelegen, erhielt die dröge, langweilige Electropop-Nummer „Mercy“ von Madame Monsieur mit ihrem künstlerisch pseudoniveaulyric 28,2 % aller Wählerstimmen und rutschte damit tatsächlich noch am Favoriten vorbei. Spannung! Chaos! Nadia, die Freundin aus Belgien war in dem Moment so bedient, dass sie höchst frustriert ins Bett ging… und da war sie wieder, die Enttäuschung in ESC.

Zu beneiden sind aber auch Madame Monsieur nicht. Es besteht natürlich noch die Hoffnung, dass das junge Ehepaar ihren Auftritt etwas überarbeitet, denn mit Verlaub, die ESC-Bühne mit schwarzen Rollkragenpullovern zu betreten und so Bieder zu wirken, dass sogar der Papst es für zu Katholisch halten würde kann nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Doch bis dahin bleibt die Erkenntnis, dass das französische Volk für Ihren ESC-Beitrag einen Act erwählt hat, der von sämtlichen europäischen Nachbarländern in jeder Himmelsrichtung für nicht gut genug befunden wurde. Natürlich sind auch diese Juroren nur Einzelpersonen. Aber dass aus der Destination Eurovision nun die Devastation Eurovision wird, steht so natürlich schon zu befürchten. Oder sagen wir „zum Unken reicht es.“

Am gestrigen Montag konnte dann aber zumindest Nadia etwas versöhnt werden. Denn Tschechien verkündete seinen Act. Die Halbtschechin konnte sich sehr schnell mit der Tschechischen Version von Jason Derulo anfreunden. Und der Act von Mikolas Josef mit dem Titel „Lie to me“ ist ein absolutes Brett. Sofern Mikolas diesen Act so performen kann wie im Video dann ist die Chance auf Prag 2019 wahrlich ernst zu nehmen. Die Tschechen haben dafür übrigens keine Show benötigt. Zwar haben sie eine Qualifikation mit internationaler Jury, diese wird aber seit jeher im geheimen abgehalten. Die Tschechen können über die Eurovisionsapp anhand von Youtubevideos wählen, das wars. Sie haben letztendlich den im Video ein Kamel reitenden Hip-Hopper einfach in den Abendnachrichten vorgestellt. Und waren sich dabei nicht mal zu schade, erst die versteckte Kamera raus zu hängen und Mikolas mitzuteilen, dass er nur zweiter geworden wäre. Nur um seine echte Freude über diesen Jux live auf Tape zu haben. So viel zum Titel „Lie to me“. Die Rache folgte auf dem Fuße, denn Mikolas Josef ist ein großer Fan des Jugendwortes „Fuck“ und brachte mit seiner überschwänglichen Freude die Tontechniker beim Ausblenden des F-Wortes an ihre Auslastungsgrenze. Auch die Lyrics von Lie to me haben diese Gossensprache mehrfach drin und werden daher vermutlich noch angepasst werden. Denn gegen das fluchen hat die EBU ein paar richtlinien. Die Enttäuschung darüber wird sich bei Mikolas in Grenzen halten.

Meine Enttäuschung über den Spanischen Vorentscheid hingegen kennt kaum Grenzen. Wobei das E hier vielleicht auch für Entsetzen stehen könnte. Entweder haben Spanier andere Fernsehgewohnheiten und bleiben einfach länger wach oder aber der Stellenwert des ESCs hat nach dem krachenden letzten Platz im letzten Jahr für Manels „Do it for your lover“ rapide abgenommen. Die Show zumindest begann erst um halb 11 in der Nacht und ging bis halb 2 in der früh. Die Teilnehmer wurden aus der Castingshow Operacion Trifuno übernommen. Eine Castingshow, die wohlgemerkt noch läuft und deren Finale erst nächste Woche ist. Aber die besten von denen, die noch übrig geblieben waren durften nun um ihr Ticket nach Lissabon singen. Dabei gab es nach den heftigen Korruptionsvorwürfen des letzten Jahres dieses Jahr ausschließlich ein Telefonvoting. Dies wurde mit um die 420.000 Anrufern auch durchaus genutzt. Allerdings war es eine Wahl zwischen Pest und Cholera.

Musikalisch unterboten sich die größtenteils Talentfreien bis zumindest makelbehafteten Sänger in Sachen Bedeutungslosigkeit. Es wirkt, als sei Spanien musikalisch 20 Jahre zurück in der Zeit, jeder Song hätte im Jahr 1994 seine Berechtigung gehabt, aber wirkten für 2018 entweder antik, langweilig, künstlich oder anderweitig unerträglich. Ich bin gar nicht in der Lage, alle Künstler noch aufzuzählen, weil ich ihre ganze Existenz bereits nach der letzten Note bereits wieder vergessen hatte. Das einzige, was ich als gute Idee empfand war, dass sie die einzelnen Teilnehmer nicht nur als Solisten auftreten ließen, sondern innerhalb der Teilnehmer manche auch zusätzlich Duette abhalten durften. Zudem gab es einen Gemeinschaftssong aller 5 Teilnehmer, der rein Theoretisch ebenfalls in Lissabon hätte enden können.

Natürlich waren die Spanier von ihrem Konzept so überzeugt, dass die drei Auftritte mit den meisten Stimmen nochmal in ein Superfinale durften. Dort war die Sängerin Aitana glatt zweimal vertreten und durfte beweisen, dass sie verdammt gut singen kann. Zu dumm, dass ihre Ballade „Arde“ mit so viel Echo und so wenig Arrangement vertont wurde, dass dem Song sämtliches Potential geraubt wurde. Und ihr zweiter Song, den sie mit Ana Guerra zusammen sang, scheiterte vermutlich zum einen an der grenzdebilen, völlig falsch singenden Ana Guerra sowie dem einfach inakzeptablen Schlampenlook. Das hatte Aitana sich besser zweimal überlegt mit dem schwarzen durchsichtigen Teil und der hautengen blauen Skinny Jeans. Ein Verbrechen an der Modewelt.

So blieb den Spaniern gar nichts anderes übrig als das geringste Übel zu wählen. Das schmachtende Duett „Tu Cancion“ von den frisch verliebten Teenagern Alfred und Amaia. Gerade Alfred ist dabei unerträglich. Sieht man von vermutlich vielen tausenden spanischen 15jährigen Mädchen ab, dürfte jeder einigermaßen musikalisch geschulter Mensch feststellen, wie wenig Talent er hat. Seine steten merkwürdigen Grimassen wirken fehl am Platz, dazu diese schleimige Christiano-Ronaldo-Attitüde. Alfred hat im Grunde die einzige Chance genutzt, um in dieser Show weit zu kommen, die er hatte. Denn da die Trifuno-Teilnehmer solange irgendwo in einem stillen Kämmerchen eingesperrt wurden, bis man ihnen aufwendig und mit Engelsgeduld das singen beigebracht, nutzte Alfredo den Prekariatskomplatiblen Charakter der Show und begann eine youtube-medienwirksame Romanze mit der Charismatischsten Sängerin von allen. Amaia. Oder auch „die mit Talent“. Und weil die ja nicht vor die Tür gelassen wurde, musste sie halt mangels Fluchtmöglichkeiten drauf eingehen. Anderswo hätte man sowas wohl „den Geist von Malente beschwören“ genannt.

In ihrem Song schmachten Alfred und Amaia auch wie zwei schlecht gespielte liebestolle Teenager – die sie ja sind – umher und verpassen ihrem Song die Atmosphäre eines Abistückes auf der Bühne der Aula Des Gymnasiums Saarburg. Wobei ich dort mal eine Shakespeareaufführung vom Kaufmann von Venedig gesehen habe… die war noch überzeugender als dieses Duett. Die ganze Nummer ist so künstlich kitschig gehalten, dass man die Augen schließen muss, um nicht im Strahl zu kotzen. Tatsächlich funktioniert das. Wenn man die Augen schließt, dann ist das ein tolles Duett. Ein wirklich romantischer Song. Aber dann macht man die Augen auf und sieht, wie Alfred mit seinen Gesichtszügen gerade die Geschichte erzählt, wie er einen Kühlschrank in den zweiten Stock tragen muss und eine Amaia, die liebend gerne diesen Song mit jemanden gesungen hätte, der mehr Talent hat. Es ist ein Drama. Vor allem ein Drama mit bald ablaufendem Haltbarkeitsdatum. Es wird spannend, ob dieses Pärchen diese Scharade noch bis Mai aufrecht halten kann. Ich halte ja dagegen und bin mir irgendwie sicher, dass man bald die Geschichte hören darf, wie Alfred der guten Amaia mit dem Composer Raul Gomez betrogen hat. Und ja, wenn man sich Raul Gomez so ansieht und wenn man sich Alfred so ansieht, dann ist das im Bereich des Möglichen. Aber ich sollte mich nicht beschweren, vielleicht bleibt Amaia ja dann für mich übrig… 😉

Ich weiß zumindest, dass ich mit meinem Leid über drei verlorene Stunden meines Lebens nicht ganz alleine mit mir herum trage. In der „Wir-loben-alles-über-den-klee“Jury saß unter anderem auch die inoffizielle Siegerin des letzten jahres, Luisa Sobral. Und auch wenn sie sicher voll des Lobes war, sagte ihre Körpersprache nur eins. „Was mach ich hier? Da hab ich mit meinem Bruder letztes Jahr gezeigt, wie erfolgreich man sein kann mit ehrlicher Musik, die vom Herzen kommt, ich habe gezeigt, dass Musik noch jemanden berühren kann… und dann konfrontiert ihr mich mit dieser scheiße? Habt ihr nichts gelernt?“ Später zeigte sie dann den anderen wo der Frosch die Locken hat und sang allein mit einer Gitarre ihren Song „Cupido“. Und bewies, dass sie in ihrem kleinen Finger mehr Talent besitzt als alle anderen dort. (Was besonders auf den Intervall-Act J Balvin zutrifft, einem Kolumbianischen Rapper, der auch heute noch der Meinung zu sein scheint, dass das Ali G-Outfit durchaus Zeitgemäß ist…). Zum Ende hin gab es dann auch noch einen Auftritt von Conchita Wurst, die mal wieder Rise like a Phoenix trällern durfte. Und sogar sie hatte mehr Talent.

Nächste Woche steht nun die Schweiz an. Ein Land, von dem ich dachte, dass sie von allen ESC-Shows die langweiligste hätte. Aber nun bin ich gespannt, ob sie die Spanier wirklich noch unterbieten können. Eine gute Vorbereitung auf den anschließenden Superbowl dürfte es definitiv sein. Da spielen die Eagles gegen die Patriots. Das wird auch ziemlich langweilig. Um so mehr freue ich mich schon auf den 22. Februar, wenn es in Deutschland so weit ist. Anderseits… das E steht für Enttäuschung. Ich begebe mich auf dünnes Eis.

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