Dannimax goes Oscar! Heute: Get Out

Es ist eine Seltenheit, aber auch Horrorfilme geraten ab und an in die Auswahl der Filme, die für „Best Picture“ nominiert sind. Ich bin absolut kein Fan von Horrorfilmen, daher sicher nicht zu meiner Begeisterung. Ob Jordan Peeles Schocker „Get Out“ dennoch zurecht in dieser Liste gelandet ist… erfahrt ihr nach dieser SPOILERWARNUNG!!

Zunächst, wenn jemand wie Jordan Peele einen Horrorfilm macht, dann wirkt das erst einmal befremdlich. Peele ist in den USA ein wohlbekannter Comedian, quasi vom MadTV ausgebildet bildete er mit Keegan-Michael Key das Comedy Duo Key & Peele, dessen Sketche selbst in Deutschland sich durchaus großer Bekanntheit erfreuen. Von ihm kommen zum Beispiel die Epic Rap Battles of History. Man könnte sagen, Key & Peele machen sowas wie die amerikanische Version der Bully-Parade, nur in wirklich witzig. Und genau das macht es – auch nach der Betrachtung von Get Out noch etwas schwierig, den Film richtig einem Genre zuzuordnen. Weil man mit einer anderen Erwartung in das geht, was man geboten bekommt. Wie würdet ihr reagieren, wenn Otto Waalkes einen echten Horrorfilm machen würde?

Key & Peele sind als solches dabei so bekannt, dass allein ihr Anblick bereits ausreicht, um eine ganze Serie in den Bereich der Comedy zu ziehen. Das fiel besonders bei der Serie Fargo auf, wo man in der ersten Staffel 8 Folgen lang rätselt, ob man gerade eigentlich eine Comedy betrachtet oder das doch ein Verbrecherthriller sein soll, dessen Ereignisse einfach over the Top sind. Die Frage stellte sich nach dem Auftritt der beiden nicht mehr, weil es in dem Moment klar war. Die beiden machen eben Comedy. Wurde „Get Out“ deswegen als „Mystery-Horror-Thriller mit Comedy-Elementen“ beschrieben?

Vielleicht ist Peele in „Get Out“ auch genau deswegen selbst nicht vor der Kamera zu sehen. Denn offensichtliche Comedy ist in dem Film nicht zu bemerken, sieht man von dem markigen Erscheinen von Lil Rel Howery in seiner Rolle als Flughafensecuritymitarbeiter Rod Williams ab. Hier und da mag eine Situation eine gewisse Situationskomik andeuten, aber der Film nimmt sich ernst genug, um als richtiger Schocker-Thriller durchzugehen.

In diesem geht es dabei um Chris, gespielt von Daniel Kaluuya (seines Zeichens übrigens genau wie Lil Rel Howery im echten Leben auch Comedian). Chris ist Fotograf und zudem in einer Beziehung mit der süßen Rose Armitage (Allison Williams). Was die beiden dabei eindeutig unterscheidet, ist ihre Hautfarbe. Chris ist ohne jeden Zweifel Afroamerikaner, während Rose irgendwie aussieht wie Robyn aus How i met your mother. Seit 5 Monaten sind die beiden ein Paar und nun steht der erste Besuch bei Roses Eltern auf dem Land an. Chris zeigt sich nicht sonderlich begeistert, nachdem er erfährt, dass Rose ihren Eltern nichts über dessen Hautfarbe erzählt hat. Doch sie beteuert, dass die beiden keine Rassisten wären. Und so verläuft das erste Treffen tatsächlich sehr freundlich.

Vater Dean (Bradley Whitford) ist Neurochirug, Mutter Missy (Catherine Keener, bekannt als Maxine in Being John Malcovich oder die Mutter von Percy Jackson) ist Psychaterin, auch Bruder Jeremy (Caleb Landry Jones, spielte Red Welby in Three Billboards outside Ebbing, Missouri) studiert gerade Medizin. Alles wirkt durchaus freundlich, wenn vielleicht auch ein wenig Steril. Aber irgendetwas stimmt im Haushalt dennoch nicht und dieses Gefühl intensiviert sich, je länger Chris Aufenthalt im Hause andauert. Da wäre die farbige Haushalterin und der farbige Greenkeeper, die sich so devot und spooky verhalten, dass man sie glatt für Leibeigene aus dem 18ten Jahrhundert halten könnte. Und auch wenn Rassismus nicht ihr Problem zu sein scheint, so zeigen sich Rose Eltern wenig begeistert davon, dass Chris raucht. Missy bietet ihm sogar an, ihn dahingehend via Hypnose zu kurieren.

Ein Angebot, dass Chris offensichtlich nicht ablehnen konnte. Denn als sich Chris eines Nachts nach draussen stehen will, um heimlich eine Zigarette zu rauchen, fängt Missy ihn ab und hypnotisiert ihn mit Hilfe einer Tasse Tee ohne dass er es zunächst merkt. Erst, als er sich im Sessel sitzend nicht mehr bewegen kann und scheinbar in einer Art Traumwelt gefangen scheint, ahnt er, dass da vielleicht etwas mehr gemacht wurde als ihn nur vom Rauchen zu kurieren.

Der nächste Tag wird für Chris noch seltsamer, denn es reisen weitere Gäste an, vorwiegend weiße, elitäre Leute. Und auch diese verhalten sich durchweg merkwürdig. Es wirkt ein wenig, als wollten diese Leute ihn alle auf seine Fähigkeiten überprüfen. Unter den Gästen ist aber auch ein farbiger, doch auch dieser benimmt sich so „weiß“, wie man sich nur verhalten kann. „Andre Hayworth“ benimmt sich so „weiß“, dass er scheinbar nicht mal weiß, was eine Ghettofaust ist. Das Verhalten ist so surreal, dass Chris ihn mit seinem Handy abfotografiert. Als er den Blitz auslöst, bekommt Andre aber auf einmal Nasenbluten und greift ihn mit der Aufforderung „get out!“ an. Nur kurze Zeit später, nach ein paar netten „Worten“ von Missy ist Andre aber wieder dieser „White Zombie“.

Für Chris wird es langsam zu viel und er bittet Rose, aufzubrechen. Das wird natürlich nicht so einfach, da währenddessen die Feiergesellschaft eine als Bingo getarnte Versteigerung begonnen hat – mit nur einer Ware. Chris. Und die Situation wird noch einmal intensiver, als Chris beim Packen Fotos von Rose Exfreunden findet – alles Schwarze, darunter Andre, aber auch der Green Keeper und die Haushälterin. So kommt er bei seinem Versuch, das Anwesen zu verlassen nicht sehr weit, Missys Hypnosekniffe lassen ihn umfallen wie eine Statue. Chris wacht im gefesselt im Keller auf und sieht nun Videos, die ihm erklären, was nun mit ihm passieren soll. Tatsächlich wird zunächst eine Gehirnwäsche geplant, dann eine Hirntransplantation, das Bewusstsein eines der elitären Freunde soll mit dem von Chris ausgetauscht werden, um denen damit ein besseres, lebenswerteres Leben zu gewähren.

Letztendlich kann sich Chris aber befreien und erfolgreich ausbrechen, wenn auch auf eine Art und Weise, dass er Stilistisch den ganzen Film fast kaputt macht. Bis zu dem Moment, wo die bösen Armitages ihren Plan enthüllen ist Get out wirklich gut. Die Story entwickelt sich im perfekten Tempo, stetig fragt man sich, wer hier der böse sein könnte und wer unschuldig, der Film spielt zudem sehr moderne Ängste an und präsentiert zudem eine Form von „Alltagsrassismus“, die für Afroamerikaner in den vereinigten Staaten so immer noch ein Problem sind. Es wirkt, als wäre Chris auf einem modernen Sklavenmarkt gefangen. Der Film kommt dabei fast ohne die klassischen Schockermomente aus, nur gelegentlich kommt es zu diesen Cut-scare-momenten. Der größte Grusel geht vom ungewissen aus, vom nicht wissen, was hier eigentlich genau für ein Spiel gespielt wird und wo es hin führt. Es ist das seelenlose Verhalten der anwesenden Charaktere, welches Get Out eine wirklich oskarwürdige Qualität beschwert. Doch so großartig er die Geschichte aufbaut, um so desaströser spült seine Auflösung alles die Klischeetoilette rüber.

Denn wo Get Out zuvor fast komplett ohne genretypische Horrorklischees auskam, so scheint Peele zum Ende hin im Eiltempo noch jedes Horrorklischee rein packen zu wollen, egal ob es dem Film gut tut oder nicht. Statt auf dem Hypnoselevel zu bleiben, sieht man nun Dr. Dean, wie er im Dachboden einen OP-Saal eingerichtet hat und gerade dem zukünftigen Chris-Körper schon mal den Kopf aufschneidet. Als wäre der garantiert nicht sterile OP-Raum im Dachboden nicht schon cheesy genug, beleuchtet er den Raum mit großen Kerzenständern. Chris kann sich unten auch befreien, aber statt irgendwie davon zu kommen, kämpft er sich nun durch die Familie und bringt sie auch alle einzeln um. Dabei wurde er vorher noch als ruhiger Pazifist dargestellt. Das Verhalten passt überhaupt nicht zur bisherigen Darstellung, was sich vor allem daran zeigt, dass Chris am Ende Rose eigenhändig erwürgen will, obwohl diese schon geschlagen und mit einem Bauchschuss ausser Kraft gesetzt auf dem Boden liegt. Und natürlich fackelt Chris versehentlich den OP-Raum um, weil er die Kerzenständer umwirft, natürlich greift ihn der schon tot geglaubte Jeremy noch einmal an, natürlich überlebt Rose sogar einen Bauchschuss, natürlich geht der bullige creepy Greenkeeper auf ihn los und entpuppt sich als Geist von Opa Armitage und natürlich kämpft sich Chris letztendlich (Fremd-)blutüberströmt vom Gelände. Urplötzlich und vor allem LEIDER entwickelt sich Get Out an dieser Stelle zu einem schlechten B-Movie.

Das ist auch optisch einfach schade. Der Film hatte zuvor auch in Puncto Bildpoesie viel richtig gemacht und sich dabei vor allem bei Kubricks Kameraführung der klaren Linien und teils surreal geordneter Bilder bedient, was optisch immer noch gut funktioniert. Das hat sich seit Filmen wie „The Shining“ nicht geändert. Irgendwie steht ein wenig zu hoffen, dass dieser Qualitätsabfall zum Ende hin bewusst geschah und eine Art Hommage darstellen soll oder vielleicht eine tiefere Botschaft, die ich dann einfach nicht ganz verstanden habe. Dennoch kostet dieses Ende Get Out eine bessere Bewertung. Er ist immer noch durchaus berechtigt unter den 9 besten Academy-Filmen vertreten, dafür dass ich Horrorfilme nicht mag, hat er mich wirklich gut unterhalten. Zudem gehören „Black-live-matters“-Filme ja zur Oskarverleihung wie Kunstblut zu Horrorfilmen. Aber – in erster Linie wegen der Konkurrenz – aber auch wegen diesem Ende wird er den Best-Picture-Award wohl eher nicht gewinnen. So will ich ebenso das Ende nicht zu sehr in meine Wertung einbauen, von 104 Minuten waren 90 Minuten sehr gut. Aber das Finale war so ein Ärgernis, dass es für mich für Get Out nur 4 von 6 Oskars gibt. Kaum zu Glauben, dass das von den fünf bisherigen Filmen die schwächste Wertung ist.

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