Der NFL Draft-Day steht bevor. Wie funktioniert er?

Für viele Europäer, die sich mit American Football nicht auskennen, wird der Spielplan der NFL seltsam anmuten. Wo man in Sportarten wie Fußball oder Handball das ganze Jahr über spielt, mit nur seltenen Unterbrechungen, so hat eine Saison in der NFL ohne die vier Pre-Season-Spiele und die Playoffwochen gerade mal 17 Spieltage. Diese folgen aufeinander, sodass eine Saison im American Football in den USA in der Regel von September bis Oktober geht, auch hier wieder mit den vier Freundschaftsspielen und den Playoffs von Mitte August bis zum ersten Februarwochenende. Die Vorstellung, in den Monaten Februar bis August, also ein halbes Jahr kein einziges Spiel verfolgen zu können, wird vermutlich auf viele sehr befremdlich wirken. Es hat etwas von einer Eisdiele, die im Winter zumacht… man kann sich da schon fragen „wie finanzieren die das?“ Oder aber auch „Muss ich mich jetzt 6 Monate lang langweilen? Zumindest auf den letzten Punkt will ich eingehen, denn es gibt immer wieder feste Termine, die auch diese Zwischensaison ganz spannend machen können. Das können die Trade Periods im März sein oder auch ein Event, der sich nun am kommenden Donnerstag ankündigt und auf den ich etwas näher eingehen will. Der NFL Draft!

In der Tat ist es der NFL wichtig, dass für jedes Team stets eine gewisse Chancengleichheit besteht. Dazu gibt es zum einen die in früheren Beiträgen schon erwähnte Salary-Cap, sprich eine feste Obergrenze, die ein Franchise nur für Gehälter ausgeben darf, zum anderen aber darf man als Team jedes Jahr die reifen Früchte der College-Teams in Form ihrer zu alt gewordenen Spieler pflücken. Und wer in der Vorsaison am schlechtesten abgeschnitten hat, darf entsprechend bei der Ernte auch als erstes auf die Talente-Erntemaschine. Entsprechend erhalten die schlechtesten Teams so die besten Spieler.

Die NFL ist dahingehend in der Tat nur eine vieler Organisationen, die den College-Spielern American Football als „Beruf“ anbietet. Es gibt kleinere Verbände wie die Spring League, die Canadian Football League, fünf Ligen von Arena und Indoor-football, regionale Verbände wie z.B. die Gridiron Developmental Football league (GDFL), Footballligen mit 7 Spielern statt 11 Spielern wie die A7FL, ab 2019 die Alliance of American Football oder auch ab 2020 die die XFL. Da die NFL aber die mit Abstand größten Gehälter zahlt und ebenso von Qualität und Ansehen die absolute und unangefochtene Nr. 1 ist, würde kein ambitionierter College-Spieler eine solche sogenannte „minor league“ der NFL vorziehen.

Für die meisten College-Spieler wird sich der Traum der NFL dennoch nie erfüllen können, daher gibt es durchaus Bedarf an solchen Minor Ligen. NFL-Teams gibt es aktuell 32 Stück, in sieben Runden plus einigen sogenannten compensatory spots dürfen die NFL-Teams einen College-Spieler auswählen, damit dieser für sie spielt. Ergo schmälert sich der Pool an College-Spielern nach dem NFL-Draft um 256 Spieler. Zwar können College-Absolventen auch ohne Draft den Weg in ein NFL-Team finden, doch Fälle, dass sich ein Spieler dann wirklich durchsetzen konnte, sind sehr selten. Schließlich darf auch ein NFL-Team nicht mehr als 53 Spieler im Kader haben. Und die Auswahl an College-Spielern ist wirklich immens.

Auch im College-Bereich gibt es eine Art Ligaverband. Gedeckelt wird das ganze über die sogenannte NCAA, die National Collegiate Athletic Association und die NAIA, die National Association of Intercollegiate Athletics. An deren Turnieren nehmen hunderte von Amerikanischen Colleges teil, welche in vier Ligaleitern unterteilt sind. Die besten Mannschaften Spielen in der Divison I – Bowl Subdivision, gefolgt von der Division I – Championship Subdivision, der Division II und Division III. Alleine in der Bowl Subdivision gibt es wiederum 120 Vereine, die nochmal in 10 Ligagruppen eingeteilt sind (Pac-12, Big Ten, Big 12, Atlantic Coast, Southestern Conference, American Athletic, Mountain West, Sun Belt, Conference USA und Mid-American Conference) Dazu kommen auch noch die sogenannten NCAA Indipendents, unabhängige Colleges, die Spielen können wo sie nur wollen. Und als wäre das nicht genug, sind für den Draft auch Spieler in Europa, zum Beispiel der deutschen GFL zugelassen. So fand vor zwei Jahren zum Beispiel Moritz Böhringer als erster Spieler überhaupt einen Platz im Kader der Minnesota Vikings, ohne vorher je ein amerikanisches College besucht zu haben. Die Collegespieler sind nach vier Jahren zu alt fürs College und brauchen den Draft, um die Karriere fortzusetzen, doch zu diesen sogenannten „Juniors“ kommen dann auch noch die sophomors, das sind Studenten, die sich schon nach der dritten Saison beim Draft anmelden, weil sie sich für so gut halten.

Qualmt schon der Kopf? In der Tat zeigt die riesige Auswahl an Spielern, wie schwer, ja fast unmöglich es für all diese Leute ist, Fuß in die NFL zu setzen. Zumal sie dann ja wieder komplette Frischlinge sind und auf Spieler treffen, die all dies schon hinter sich gebracht haben und seitdem teilweise bis zu 20 Saisons an Erfahrung dazu gewonnen haben. Auf der anderen Seite erklärt es aber auch ein wenig den Rummel, den die Amerikaner um diesen Draft machen. Denn sich unter all dieser Masse an Spielern als derjenige zu beweisen, der die absolute Nr. 1 ist, ist dann natürlich ein fettes Plus auf der Visitenkarte. Der First-Pick eines Drafts hat auch zeitgleich finanziell ausgesorgt, da ihm somit ein Mindestgehalt von 7 Mio Dollar zusteht.

Aber auch für den Zuschauer ist der Draft damit sehr spannend. Denn der College-Football ist für viele Amerikaner die einzige Möglichkeit, Football wirklich aktiv zu verfolgen. Wo in den NFL-Stadien der günstigste Stadionplatz zwischen 150 und 180 Dollar kostet, gibt’s College-Spiele schon für 30 Dollar. Die Stimmung in den teils riesigen Collegestadien ist entsprechend aufgeladen und für viele sind schon die Studenten, die bei der NCAA spielen absolute Stars.

Seit zwei Jahren ist der NFL-Draft daher sogar eine öffentliche Veranstaltung, zu der zehntausende Fans aus ganz Amerika anreisen. So eben auch morgen, am Abend des 27. Aprils, wenn in Dallas die erste Runde des Drafts ansteht und die Besten der Besten ihre neue Heimat in der Welt der Larger-than-Life-Superstars finden. Und entsprechend verwandeln sich die sportbegeisterten Amerikaner auch alle zu Propheten und geben ihre sogenannten Mock-Drafts ab, bei der sie prognostizieren, welcher Club wohl welchen Spieler wählt.

Das ist bisweilen gar kein so leichtes Unterfangen, denn den Teams ist es durchaus erlaubt, ihren Platz mit anderen Teams zu tauschen, wenn denn das Angebot stimmt (z.B. getreu dem Motto „Hey, ihr steht drei Plätze vor uns, sollen wir tauschen? Ihr bekommt dafür unseren Zweitundenpick“). Das ganze verkommt zu einem Filmwürdigen Geschacher, denn die Teams auf ihrer Seite wissen natürlich genau, welche Sorte Spieler sie brauchen. Wenn eine Mannschaft zum Beispiel weiß, dass sie einen Defensivspieler brauchen, gleichzeitig alle Spieler über ihnen garantiert Offensivspieler holen werden, dann kann so eine Herabstufung durchaus interessant sein. Auf der anderen Seite kann das für andere Mannschaften richtig teuer werden, denn wenn zwei Mannschaften den selben Spieler wollen, tauscht man natürlich nur gegen das beste Angebot und dazu muss der Tauschwillige oftmals tief in die Tasche greifen. Wer mal wissen will, was gerade hinter den Kulissen bei so einem Draft passiert, dem empfehle ich dazu den Film „Draft Day“ mit Kevin Costner als General Manager der Cleveland Browns.

Aktuell sind übrigens jene Cleveland Browns auf der Poleposition für den diesjährigen Draft. Wie mein Mock-Draft so aussähe, erfahrt ihr dann im nächsten Artikel. ^^

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