Der Eurovision als Partyevent

Ja, kaum ein Event wird mit so viel verdrehten Augen kommentiert wie der alljährliche Eurovision Song Contest. Hört man sich im Freundeskreis um, hört man immer wieder davon, dass es doch Trash wäre, eine Veranstaltung für Leute mit abweichender sexueller Orientierung, ein Abend voller schlechter Musik… und kaum einer versteht wirklich, warum ich so viel Arbeit in diesen „dümmlichen Event“ rein stecke. Spricht man die meisten Leute konkret darauf an, bekommt man dann zu hören, dass sie den Event ja auch gar nicht gucken. Und auf Grund der Vorurteile auch nicht bereit sind, diesen Event einmal auszuprobieren.

Dieser Blogeintrag ist nun nicht dazu gedacht, mich ein für alle Mal für mein Hobby zu rechtfertigen. Und sicher soll er nicht missionarisch wirken. Aber ich will zumindest einmal davon erzählen, warum so eine ESC-Party für mich ein Event ist, auf den ich mich das ganze Jahr über freue. Und zumindest empfehlen: Versucht es doch einmal so. Denn der ESC ist tatsächlich ziemlich Partytauglich.

Wichtig ist es erstmal, sich zu sagen „ich bin kein Exot, wenn ich sowas gucke.“ Im letzten Jahr, zur Zeit der jüngsten tiefen Depression deutscher Chansonier haben sich immer noch 7,76 Millionen Fernsehzuschauer den Event im Fernsehen verfolgt. Sogar der diesjährige deutsche Vorentscheid lockte 4,56 Millionen Zuschauer vor die Endgeräte. An einem Donnerstag. Im Jahr zuvor waren es noch 9,3 Millionen Zuschauer für den ESC nur in Deutschland, als Lena 2010 die Krone der Sänger nach Deutschland holten, lag die Zuschauerquote bei unfassbaren 14,6 Millionen deutschen Zuschauern. Der Marktanteil der Leute zwischen 17 und 39 lag bei fast 70 %. Insgesamt schalten in den Ländern, in denen der Event ausgestrahlt wird etwa 220 Millionen Menschen ein. Die Wahrscheinlichkeit, sich über das gesehene mit anderen zu unterhalten und sich darüber auch auszulassen ist also schon mal recht hoch.

An der Stelle übrigens noch eine ganz andere Randbemerkung. Immer wieder hört man auch „Mit meinen Gebühren wird so ein Scheiß produziert.“ Deutschland ist ja als Big 5 für das Finale immer qualifziert, weil diese einen großen Teil der Produktionskoten übernehmen. Diese lagen z.B. im Jahr 2016 gerade mal bei 380.000 Euro. Ein Abendfilm kostet im ARD bereits 1,4 Mio Euro, ja sogar eine Folge „Bares für Rares“ kostet zwischen 30.000 und 80.000 Euro. Showevents am Samstag Abend mit ca. 105 Minuten Länge kosten im Schnitt 1,6 Mio Euro. Ein ESC hat im Vergleich dazu meist eine Länge von ca. 200 bis 230 Minuten. Ich erwähne an der Stelle besser mal nicht, wie viel so ein WM-Spiel kostet… so viel sei verraten, zu diesen 380.000 Euro kommen noch ein paar Nullen dazu. Allein RTL hat mal ein einzelnes Länderspiel für 5 Mio Euro gekauft….

Wenn man jetzt bedenkt, wie viel hochmoderne Technologie in diesem ESC drin steckt und wie viel musikalische Artenvielfalt, wie viel Botschaft und kultureller Input, dann kann man schon mal sagen, dass man dafür ein ziemlich gutes Geschäft gemacht hat. Zumal der Event in Deutschland nicht einmal von einer Werbepause unterbrochen wird.

Und deswegen taugt der ESC eben auch als Partyevent auf dem heimischen Sofa. Weil er eben im drei-Minutenrhytmus in der Lage sein wird, seine Gäste mit unterschiedlichsten Emotionen und Geschichten zu bereichern. Im Fokus steht natürlich die Frage „was ist gute Musik und was ist schlechte.“ Geschmäcke sind unterschiedlich und so wird das Gezeigte vermutlich viel Kopfschütteln innerhalb der Partydelegation verursachen, just wenn einem ein Lied gefällt, das für alle sehr schrecklich erscheint. Doch man sollte an der Stelle nicht vergessen, dass dieser Event auch die Gemeinsamkeiten aufzeigt. Eben dann, wenn man scheinbar jemanden gefunden hat, der die gleichen Lieder mag und mit dem man sich dann gleich viel verbundener fühlt.

Tatsächlich ist der ewig haftende schlechte Ruf der musikalischen Darbietungen für solche Feiern auch manchmal ein Segen. Denn man geht mit einer niedrigen Erwartungshaltung in den Event. Das meiste ist ja irgendwie Plastik, irgendwie Cheesy und altbacken… mental geht man mit diesem Gefühl sehr gerne an den ESC, dabei ist diese Einstellung quasi aus den 80ern und 90ern übrig geblieben. Inzwischen hat die Popindustrie den ESC sehr wohl für sich entdeckt. Und gerade in diesem Jahr ist die musikalische Vielfalt extrem hoch. Das geht vom Balkanpop über avantgardistische Kunstlieder, Ethnodance, georgischen Harmonien, Rockhymnen, Italienischen Opern und gefühlvollen Singer-Songwriterballaden bis hin zum Postmetalcore auf Ungarisch. Alles in einer Show. Bei dieser Varianz ist es nicht auszuschließen, dass ein großer Teil der Musik einem auch weiterhin wie großer Trash vorkommt. Dass der Event nun auch noch recht Farbenfroh ist und gerne für richtige „Was-habe-ich-da-gerade-gesehen?“-Momente sorgt, kommt hinzu und bringt auch eine wichtige Komponente mit zum Event. Es ist erlaubt, in großer Runde den Trash, den man erkannt hat auch anzusprechen. Vieles ist für manche traditionell, für andere amateurhaft. Viele Acts versuchen krampfhaft aufzufallen und in Erinnerung zu bleiben und ja, es kann Spaß machen, sich über genau diese Nuancen zu unterhalten und seine Ungläubigkeit bekannt zu geben. Man ist in der Regel mit seinen Gefühlen auch wirklich nicht alleine. Und mitten drin in dieser Trash-Show gibt es dann immer wieder Songs oder Auftritte, die man dann auf einmal überragend gut findet und über die Show hinweg mit sich herum trägt. Dann verliert die Show diesen Touch von Trash sehr schnell.

Von daher gehört so ein „Was trägt die da für ein Kleid, was hat der denn da für eine Frisur, was läuft da für ein Käse im Hintergrund, was ist das für ein geiler Song?“ durchaus dazu. Es gibt dabei auch eine Möglichkeit, wie die Partygäste sich auf genau solche Momente auch konzentrieren können. In meinem Fall kombiniere ich den Event mit einem Tippspiel. Jeder Partygast bekommt einen Tippspielbogen, in dem er alle Teilnehmer auf einem Blick hat und sie nach einer gefühlten 20-Punkte-Skala bewerten kann (die Skala geht von 1 für absolut miserabel über solche Begriffe wie „schlecht“, „durchschnitt“, „herrlich“ bis hin zu „20 Absolut obergöttlich“. Die Gäste sollen ihre Gefühle also durchaus zu Papier bringen. Am Ende der Show sammle ich die Zettel dann ein und vergleiche deren Wertungen mit dem Gesamtergebnis. Derjenige, der am nächsten dran am Endresultat ist (nicht der Sieger, sondern alle Plätze), der erhält einen echten Wanderpokal, darf ihn jubelnd in die Höhe halten und ein Jahr auf den heimischen Kamin stellen, bevor er dann im Mai wieder verteidigt werden muss. Solche Wanderpokale sind übrigens recht preiswert. In entsprechenden Läden kosten kleinere Pokale zwischen 10 und 20 Euro.

Da der ESC ein Kulturevent ist, füge ich der Party noch eine weitere Nuance hinzu. Ich serviere die Küche des Gastgeberlandes. In diesem Jahr also portugiesisches Essen. Der Event in Aserbaidschan hat mich dabei gelehrt, eher auf Fingerfood und Snacks zu gehen. Damals gab es Plow, ein typisch aserischer Reistopf. Hat lecker geschmeckt, aber dauerte erst lange zum kochen, dann lange zum Essen. Das hatte zur Folge, dass zum Eventstart um 21 Uhr die Leute noch am Essen waren und sich nicht auf die Show konzentrieren konnten. Suboptimal. Da ist es deutlich besser, sich auf Gebäck und Kuchen zu spezialisieren.

Für Portugal kann ich in diesem Jahr auch gleich ein paar Empfehlungen ausgeben. An erster Stelle sind „Pastéis de Nata“. Kleine Puddingtörtchen und vielleicht das leckerste, dass je aus Portugal gekommen ist (Leicht gesagt, da aus Portugal hauptsächlich Fisch kommt. Tatsächlich gibt es da sogar Kuchen mit Stockfisch). Natürlich, wenn die Feier ausschließlich aus Gästen besteht, die gerne Fisch mögen, dann ist portugisisches Essen genau das richtige. In meinem Fall gibt es neben den Natas aber andere Feinheiten. So zum Beispiel das sogenannte Arroz Doce. Das ist im Grunde normaler Milchreis, allerdings werden diesem neben Zimt auch Orangen- oder Zitronenschalen hinzugefügt, um ihn einen frischeren Geschmack zu geben. Zudem wird es meist kalt serviert. Statt Reis nehmen die Portugiesen da auch gerne Glasnudeln für. Auch Gerichte aus Feigen oder Pflaumen sind durchaus typisch. Nicht zu vergessen Kekse. Ein Kekskuchen mit entsprechender Cremefüllung – die sogenannte „Bolo de Bolocha“ wird wohl kaum Feinde finden. Auch an anderer Stelle findet sich typisches mediteranes. Die Portugiesen füllen ihre Fritteusen zum Beispiel gerne mit Olivenöl und brutzeln dann kartoffelscheiben darin. Ihr könnt eure Partygäste aber auch mit einem garantierten Tod durch Überfettung konfrontieren. Die Franchesinha (heißt so viel wie die Kleine Französin) ist so eine art Toast Hawaii, aber neben Toastbrot und Schinken mit Käse überbacken kommt da noch Linguica hinzu, eine der Chorizo ähnlichen Wurst, gerne auch mal Beefsteak oder gebratenes Rindfleisch und das ganze wird in einer dickflüssigen Sauce aus Tomaten, Bier, Senf und Brandy oder Weißwein schwimmend serviert. Dazu dann Fritten. Gelegentlich gibt es auch noch ein Spiegelei oben drauf.

All diese kleinen Köstlichkeiten werden der Party auf jeden Fall eine gewisse Kulturnote geben, die auch für den Event selbst eigentlich recht relevant ist. Denn der Event feiert einfach das Individuum. Jedes Volk ist anders, jeder Mensch ist anders und mag andere Sachen. Für einen Abend ist man in der Lage, einmal über den Tellerrand zu schauen und zu sehen, wie andere Menschen so leben. Alle mit dem Anspruch, dabei inspirierend und weltoffen zu sein, einladend und tolerant. Einmal im Jahr ist der ESC dafür da, die Vielfalt des Lebens zu preisen und sie sich mal bewusst zu machen. Ein bis weilen durchaus erhebendes Gefühl. Daher… wie gesagt… probiert es doch aus. Eine Woche habt ihr noch, am Samstag geht es um 21 Uhr auf der ARD los. Ladet ein paar Freunde ein, kocht was Feines und dann ran an den Stimmzettel. Und wer weiß, vielleicht erlebt ja auch ihr so ein paar Momente, die euch als Spaß in Erinnerung bleiben.

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