ESC Recap – Ergebnisse des ersten Halbfinals.

Das erste Halbfinale des diesjärhrigen ESC ist Geschichte. Wie erwartet hat es 10 Länder in den Status großer Euphorie versetzt, während 9 Nationen betrübt den Heimweg antreten müssen. Und dennoch war es ein gut anzusehender Event, der eindeutig Lust auf mehr macht.

Zunächst… ich hatte ja ein wenig Angst, dass die Präsentation des ESCs ähnlich bieder geraten könnte wie zum Beispiel in Österreich im Jahr 2016. Bis 2017 war Portugals Vorentscheid, der sogenannte Cancao eine staubtrockene, humor- und glanzlose Veranstaltung, die große Freude von Portugiesen schien darin zu liegen, sich stundenlang Schwarzweiß-Filme vor kurzem verstorbener Chansoniers anzusehen. Doch tatsächlich zeigte sich Portugal als äußerst guter Host. Die vier Moderatorinnen wirkten locker, scherzten im Green Room auf sympathische Art und Weise mit den Gästen (auch wenn ihre Witze nach hinten rüber zunehmend flacher wurden) und auch die Gagvorträge, in denen ein Forscher namens Richard Attenburger im Safari-Style die Eigenheiten des Portugiesen entdeckt, waren ähnlich gelungen, wie das, was man zuletzt von den Schweden gesehen hatte. Und auch die Postkarten empfand ich als gelungen. Das macht auf jeden Fall Lust auf mehr.

Und sogar musikalisch war der Event sehr gelungen. Kein Lied an diesem Abend war irgendwie ein Totalausfall, zu keinem Song konnte man vorab wirklich ausschließen, dass es weiter kommen würde. Auch fiel auf, dass die Zeiten des Eurodance scheinbar erst einmal vorbei sein könnten. Die meisten Lieder hatten alle eine schwer wiegende Botschaft, ja fast wirkte der Event etwas arg ernst und betrübt. Von diesem sonst ja so farbenfrohen sieben-sieben-eins-zwei-Tanzen-event sicher ungewohnt. Aber sicher auch Trend, betrachtet man seine Entwicklung in den letzten beiden Jahren.

Wobei man bei aller Trübsal auch sagen muss, dass kein Teilnehmer versucht hat, den Vorjahreserfolg zu kopieren. Wohl auch, weil man Amar pelos dois von Salvador Sobral einfach nicht kopieren kann. Wie besonders dieses Lied war merkte man beim Intervall-Act, als sie diverse Teilnehmer des 2017er ESC-Events teile des Songs haben singen lassen. Und jeder war auf seine Art und Weise magisch. Meine Güte, sogar Manel, letzter des letzten Jahres wegen dieser unsäglichen „Do it for your lover“-Nummer durfte so beweisen, dass er tatsächlich sogar singen kann. Ja, sogar den letztjährigen fast Punktelosen letzten hat dieser Song aufgewertet. Nicht schlecht, Herr Specht.

Dafür gab es andere Songs, die das Publikum begeistern konnte. Vor allem bei Nettas Toy war das zu bemerken, bei dem Song hat man das Publikum laut und deutlich gehört, wie sie den Text bereits mitsingen konnten, das Publikum war fast lauter als Netta selbst. Diese hat wohl wirklich noch ein paar Probleme mit dem Setting ohne Looper, weswegen sie wohl die Jury-Probe in den Wind gesetzt hat. Die Buchmacher stürzten sie danach sogar vom Thron des Topfavoriten und verleihen dieses Amt nun tatsächlich Zypern. Aber mit dieser Energie wird weiter mit ihr zu rechnen sein. Der Song wurde heute sogar ein erstes Mal im öffentlich rechtlichen gespielt. Und natürlich erreichte Netta auch das Finale.

Eben auch diese Zyprioten. Das hingegen empfinde ich als etwas verstörender. Eleni Foureiras Fuego verkörpert irgendwie den Charme der Eurovisions in der Zeit zwischen 2003 und 2006. Ein Song, über den man nicht nachdenken muss (und sollte), sondern einfach nur Pep, Tanz und eine gehörige Ladung Ballermann-Tauglichkeit aufweist. Ja, Eleni ist eine Entertainerin, die weiß, wie sie mit dem Publikum spielt. Die Klickzahlen auf Youtube für ihren Auftritt im ersten Halbfinale zeigen auch, dass der Song seine neue Favoritenrolle wohl nicht ganz ohne Grund hat. Und ja, es gibt Stimmen, die diesen Auftritt als den Wunsch vieler Fans nach „ESC Retro“ verstanden haben wollen, eben nach billigen Trashvorträgen, die einfach nur Spaß machen sollen und sonst bloß nichts mit auf den Weg geben sollen. Ob da die Zeiten von Sertab Erener, Ruslana oder Elena Paparizou jetzt so toll sind, stell ich mal offen in den Raum. Ich brauche das nicht. Und irgendwie kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass Zypern wirklich gewinnt. Aber naja… dieser „Konservativ ist besser“-Trend geht ja derzeit generell durch Europa. Dass letztendlich so eine Art Eurovision-CSU den Event gewinnt, sollte man da nicht ausschließen. Ich hoffe dennoch, dass es anders kommt.

Vielleicht täuscht das aber alles eh nur, denn Zypern hatte auch das Glück, vor sich mit Armenien, Schweiz und Irland gleich drei sehr langsame Nummern vor sich zu haben. Eleni hat das Publikum einfach aufgeweckt. Das wird ihr im Finale so einfach nicht mehr gelingen können, sie hat zwar einen Platz in der begehrten zweiten Hälfte des Finals erhalten, aber den Platz teilt sie sich auch schon mit Bulgarien, Israel und Tschechien. Die langsamen Nummern aus Litauen, Estland, Deutschland oder Spanien sind alle im ersten Teil des Finals zu finden. Kein wirklicher Vorteil also.

Damit sei übrigens auch schon verraten, wer sich da noch alles im Halbfinale auf die Seite der Qualifikanten gestellt hat. All zu viel kann man über die tolle Nummer aus Bulgarien oder die sehr Timberlakeske Nummer aus Tschechien gar nicht sagen, außer dass sie beide viel Spaß gemacht haben und große Klasse waren und daher den Weg ins Finale verdient gefunden haben. Viele werden das vermutlich auch über die Ballade einer verliebten Ehefrau aus Litauen sagen, die vor Rührung und Freude beim Blick ihres Ehemannes noch auf der Bühne während dem Auftritt fast in Tränen ausbricht. Zugegen, es war ein sehr echter Moment, sehr gefühlvoll… aber der Song selbst landet weiterhin einfach nicht bei mir. Die Wettquoten haben sie inzwischen dennoch als Top-5-Kandidat in den Topf geworfen. Vielleicht bekomme ich den ja doch mal zu greifen.

Deutlich professioneller wirkte da ein weiterer Qualifikant. Österreich. Ein eigentlich schwacher Song, aber eine herrlich sanfte Stimme präsentierte uns Cesár Sampson da. Doch ein ganz anderer Grund macht es schön, dass unsere Nachbarn noch etwas länger zu genießen sind… der Kerl klingt wie Arnold Schwarzenegger, wenn er englisch redet. Ein herrlicher Akzent hat das Unterwächemodel da.

Die Qualifikation war auch ziemlich sicher bei Estland. Doch auch hier glaube ich nicht an den ganz großen Erfolg für Opernsängerin Elina Nechayeva. Ja, sie hat ein 8 Kilogramm schweres Kleid, dass so groß wie Burg Eltz zu sein scheint und so viel Fläche für Lightshows bietet. Aber dennoch wirkt der Auftritt sehr statisch, was nicht nur an einem im Grunde nicht sehr guten Song liegt, sondern vor allem an einem schlimmen Staging der Estnischen Delegation. Dazu sollte man sagen, dass die Bühne in Lissabon keine große LED-Wand hat, wie es noch in den letzten Jahren gang und gebe war. Deswegen hat Deutschland z.B. für den Auftritt von Michael Schulte seine eigene LED-Wand mitgebracht. In Estland jedoch hat man dahingehend geschlampt. Auf dem Kleid ist Lightshowtechnisch ordentlich was los. Aber eben auch nur auf dem Kleid. Der Hintergrund wird fast durchgehend in Rottönen gehalten und passt so überhaupt nicht zum Rest. Der Auftritt hätte einen „Jamala-moment“ benötigt, wo als Verlängerung ihrer selbst ihre Stimme sich quasi in einen blühenden Baum verwandelt. So steht da halt ein blaues Zelt rum, aus der eine Frau raus guckt. Schlecht gelöst. Aber weiter ist es dennoch.

Und es ist auch immer noch besser, als das, was die Nachbarn Estlands da gemacht haben. Ja, Finnland ist eine Runde weiter dank Monsters von Saara Aalto. Aber das muss extrem knapp gewesen sein nach diesem eher unsicheren Auftritt. Besonders verstörend fand ich da ihre Backgroundtänzer, welche in merkwürdigen grauen Jacken herum stolzierten. Jacken, die man in dem Schnitt gerne mal in Mitteleuropa der Zeit zwischen 1933 und 1945 zu sehen waren. Vermutlich sollten das die „Monster“ sein?

Nein, wie Bühnenshow richtig ging, zeigte Irland mit Ryan O’Shaughnessy. Das ganze war irgendwie eine Mischung aus Tom Dice mit Gitarre, dazu eine Pianistin im Stile der Rock n Roll Kids und zwei Tänzer, die im Grunde händchenhaltend einen Gang durch den Park nachstellten. Die Nummer wirkte wunderschön friedlich, sie wirkte authentisch, sie hatte einfach Herz… und wurde letztendlich tatsächlich dafür belohnt. Zur Überraschung fast aller, vor allem der Buchmacher. Nachdem ich den Auftritt gesehen hatte, habe ich Irland tatsächlich ein weiter kommen gewünscht, aber nicht wirklich damit gerechnet. Damit ist eine Dürreperiode von vier Jahren in Folge ohne Qualifikation durchbrochen. (Zumal sie 2013 auch noch letzter wurden)

Wirklich gejubelt habe ich aber über den 10ten Qualifikanten. Albanien hat es gepackt. Auch hier sehr zur Überraschung der Buchmacher, die Eugent Buschpepa schon abgeschrieben hatten. Und auch ich hab über den Revamp von Mall ordentlich geflucht, da der sonst etwas rockigere Song harmloser gemacht wurde. Aber meine Güte, was hat Eugent da für Vokals raus gehauen. Als hätte er sein Herz raus gesungen, ein Vollstoff-Auftritt. So sieht es aus, wenn eine Stimme in der Lage ist, selbst einen schwachen Song auf das nächste Level zu hieven. Gesanglich mit Abstand der beste Auftritt, das war einfach überragend. Und ich finde es riesig, ihn im Finale nochmal hören zu dürfen. Hau raus, Eugent. Hau raus, die Karriere kann kommen.

Und damit steht auch fest, dass zum ersten mal Aserbaidschan ein Finale verpasst. Meines Wissens nach ist damit die Ukraine das einzige Land, dass noch eine weiße Weste hat, was die Qualifikationen betrifft. Gesanglich konnte diese Nummer den Status des Openers auch einfach nicht kompensieren. Auch Island wird es nach dieser 1985er Performance einschließlich Jacket im TRON-look kommen gesehen haben. Dass Belgien den Heimweg antreten durfte, wird etwas überraschender gekommen sein, aber dem Auftritt war anzumerken, dass Sennek einfach nicht mit ihrem Umfeld connecten konnte und dadurch wie ein Fremdkörper wirkte. Ab Montag kann sie also wieder weiter im Ikea an der Kasse stehen, so geht Karriere nicht. Dass Weißrussland es nicht gepackt hat, war für mich persönlich durchaus etwas schade, aber zugegeben, das war Trash der schlimmsten Sorte. Sich mit Pfeil und Bogen eine Rose durch die Hand schießen zu lassen und sich dann Rosen aus dem Rücken wachsen zu lassen, um sie einer Moderatorin zu schenken war echt too much.

Kroatiens Franka habe ich tatsächlich wie erwartet sofort nach Liedende komplett vergessen, alles, was mir auffiel war, dass offensichtlich das rechte Auge deutlich größer erschien als das Linke. Das kann ein Gesichtsdefekt gewesen sein oder ein Makeup-Fail. Ich glaube fast zweiteres. Wenn DAS das einzige ist, woran man sich erinnert, dann sagt das viel aus. Das gilt auch für Griechenland. Der Song ist null im Ohr hängen geblieben, alles, was ich noch weiß ist, dass sie eine Hand hoch gehalten hat und die aussah, als hätte sie vorher noch ein Auto silbern lackiert. Völlig Sinnbefreit. Das ist aber immer noch mehr als das, woran ich mich beim Auftritt Armeniens erinnere. Es ist kein Zufall, dass ich daher gleich über den nächsten Beitrag rede… Mazedonien und der bittere Fashionfail. Beim Song hab ich schon vermutet, dass man die Studioversion nicht würde auf die Bühne retten können. Aber dass man sich seine Abendkleider nicht über Ebay in China bestellt, hätte sich doch eigentlich auch in Mazedonien herumsprechen müssen. Vor allem ihr Kleid sah schlichtweg kaputt aus.

Somit kommen wir zum einzigen Kandidaten, den ich tatsächlich gerne im Finale gesehen hätte. Auf den ich aber nüchtern betrachtet auch gut verzichten kann. Die Schweiz. Tatsächlich war Armenien SO langweilig, dass der Auftritt von Zibbs wirklich wie eine Erlösung wirkte. Das täuscht aber nicht darüber hinweg, dass der Song immer noch pures Valium war. Dennoch hätte ich die Schweiz mühelos durch Finnland oder Litauen eintauschen können. Wie gesagt. Ich werde es überleben. Die Schweiz hingegen wird feststellen, dass sie in den letzten 12 Jahren nur zweimal das Finale erreicht haben und sogar im Halbfinale dreimal den letzten Platz belegten. Ich schätze zwar, dass sie dieses Jahr eher 11ter wurden. Aber am Samstag werde ich vermutlich trotzdem zu keiner Zeit denken „mir fehlt der Beitrag der Schweiz.“ Dazu waren die sich qualifzierenden zehn zu gut. Und ich hoffe, dass die Qualität morgen gleich so weiter geht, wenn es wieder ab 21 Uhr auf ARD One heißt „Good Evening Europe, Good morning Australia“

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