ESC Resumee – Von Symbolkraft und Missbrauch.

Das Finale war irgendwie wie gemalt. Am Ende konnten nur noch zwei Länder den Sieg in ihr Land holen. Auf der einen Seite die Cypriotische Beyoncé Eleni Foureira. (eigentlich Entela Fureraj aus Albanien, wohnhaft in Kallithea Griechenland.) Das Model, verheiratet mit dem Profifußballer und einstigen spanischen U21-Nationalspieler Alberto Botia fand ihren Weg von der Girlband Mystique, ging dann via Universal Music zur Solokarriere, hüpfte sich zu Platin und trat letztendlich mit ihrem völlig belanglosen Ibiza-Clubhit Fuego für Zypern an. Song wie Interpretin waren ein hervorragend verkauftes Konstrukt ohne dabei wirklich ein Gefühl von Musik zu vermitteln. Es war mehr ein „Schaut her, Jungs, ich sehe toll aus und kann ganz sexy tanzen in meinem hautengen, bauchfreien Bodysuit. Erwartet von mir keinen Content, ich kann nicht viel mehr als gut aussehen und davon reden, dass ich doch alles und jeden liebe.

Daneben stand Netta aus Israel. Nicht gerade überattraktiv, übergewichtig. Ihr Manager hat sie vor sechs Jahren noch abfüllen müssen, damit sie freiwillig ein Mikrophon in die Hand nahm, sie hätte sich sonst nicht auf die Bühne getraut. Die Frau hat ihr ganzes Leben damit leben müssen, von anderen wie Müll behandelt zu werden. Nun singt sie einen Song, in dem es um Frauenrechte geht, darum, sich gegen Sexismus zu wehren und dagegen anzugehen. Selbstbewusst und Eigenständig zu sein. „Im not your toy, you stupid boy“ heißt es im Refrain ihres Songs „Toy“ immer wieder. Sie gibt Hühnchengeräusche von sich, alles ist Farbenfroh, geradezu überdreht und abgehoben. Der Song ist sicher auch nicht der hochwertigste am Abend, aber er polarisiert. Und er funktioniert.

So stehen diese beiden totalen Gegensätze am Ende also nebeneinander und es wirkt, als wäre es der Kampf von Schwarz gegen Weiß. Als wären es Antagonisten. Und am Ende setzt sich das moderne Frauenbild aus Tel Aviv (zum Glück) auch durch. 529 Punkte sind es am Ende, davon 317 von den Telefonanrufern. Netta zeigt sich natürlich stolz und glücklich, vom Mauerblümchen zu einer Musikerin, die von circa 200 Millionen Zuschauern gesagt bekommt: „wir finden dich und deine Message großartig.“

So ist es ein weiterer Antagonist, der ihr am Ende die Trophäe übergeben darf. Salvador Sobral hatte im Vorfeld schon gesagt, dass er Israels Song furchtbar fände. Sein „Music is Feeling, not Firework“ klang dabei im Ohr. Wie sehr Sobral echter Musiker ist und wie viel Plastik dafür der ESC zu bieten hat, zeigte er dann auch noch in der Aussage, dass er froh sei, diesesmal sich nicht alle Songs angehört haben zu müssen. Es scheint ihn zum Glück niemand nach der Zypriotischen Nummer gefragt zu haben. Es zeigt aber auch, dass Salvador den Event immer noch nicht so ganz ernst nimmt. In einem schönen Interview bei den Wiwiblogs meinte er, dass er jetzt eigentlich nur hoffe, dass es nicht Israel wird, weil er ja seine Meinung dazu entsprechend geäußert hätte und dass dann natürlich symbolisch aufgefasst würde. Dabei war es ihm eigentlich egal. Und ja, Geschmack ist erlaubt. Für mich hat er mit seinen zwei Liedern im Intervall-Act zumindest bewiesen, dass Salvadors Musik immer noch ein wenig größer ist wie das, was dieses Jahr gelaufen ist.

Grundsätzlich kann man sagen, dass der diesjährige Event etwas… zahnloser wirkte als seine Vorgänger. Das lag vielleicht sogar am Einfluss Salvadors, denn in diesem Jahr waren sehr viele unterschiedliche Stilrichtungen vorhanden, der breite Massenpop, der durch verrückte Bühnenshows auffallen muss, war seltener und wurde zudem von den Publikumsvotern meist deftig abgestraft. Ob nun Countrymusik, Metalcore, Fado oder Singer/Songwriterballaden, alles war anders, alles wirkte irgendwie etwas seriöser und ernster. Als wollten sie beweisen, dass Musik eben auch Gefühl ist und nicht nur Feuerwerk.

Ganz gut gelungen ist das dabei auch dem deutschen Beitrag. Am Ende war es Platz 4 für Michael Schultes „you let me walk alone“. Nach der langen langen Dürreperiode seit 2012 endlich wieder mal ein gutes Ergebnis. Auch hier ein Ergebnis, dass ich so kommen sah. In diesem Jahr hat das NDR wirklich keine Fehler gemacht. Die Methode, von einem breiten, internationalen Komitee erst einmal die Künstler auszusuchen und ihnen dann einen Song auf den Leib zu schreiben war genau richtig. Das hat zum Glück auch Intendant Thomas Schreiber erkannt und schon erklärt, dass man das genau so wieder machen wolle. Nur dass man fürs nächste Jahr mehr Zeit habe und früher anfangen könne, was dazu führen könnte, dass es auch in Zukunft solche Platzierungen geben wird… wenn nicht noch bessere. Aber na gut, im Greenroom wird ja auch viel gesoffen… nageln wir ihn besser nicht darauf fest, denn gut abschneiden ist eine Sache gewinnen eine andere. Dafür braucht man auch einfach „es“. Seit Dima Bilan 2009 hat kein Teilnehmer mehr gewonnen, der nicht dieses „Je-ne-se-quoi“ in meinen Augen gehabt hätte. Und Netta hatte „es“ einfach.

Allein, die Anzahl derer, die von Israels Sieg alles andere als begeistert waren, ist dennoch nicht gerade klein. Dabei geht es weniger darum, dass Nettas Sieg „verhältnismäßig“ Knapp ausfiel. 529 Punkte von 1008 möglichen, umgerechnet also 52,27 Prozent aller Stimmen sind der schwächste Wert seit Einführung des neuen Votingverfahrens. Zum Vergleich, bei Sobral waren es 77,03 Prozent. Auch der Vorsprung auf Rang 2 lag mit 9,45 % arg knapp. Zum Vergleich, der Rekord wird von Alexander Rybak gehalten, der 2009 sage und schreibe 34,35 % Vorsprung vor Islands Yohanna auf Rang 2 hatte. Doch es ist ein ganz anderer Satz, den viele Fans die Freude auf „Israel 2019“ sehr früh genommen haben dürfte.

„We see us next year in Jerusalem.“ flutschte Netta auf der Pressekonferenz so raus. Da fing das Stirnrunzeln schon an, denn Jerusalem ist dahingehend eher ein „Hotspot“ aller Probleme in diesem Land. Vorab gingen die meisten eigentlich davon aus, dass es Tel Aviv wird, da die Israelische Party-Küstenstadt als deutlich liberaleres und unproblematischeres Städtchen für solch eine Veranstaltung galt. Wirklich problematisch wurde dieses “Wir sehen uns in Jerusalem” als Kommentar zu der Angelegenheit von Premierminister Benjamin „Bibi“ Netanjahu. Ein Sieg beim ESC, pünktlich zum 70sten Nationalfeiertag Israels brachten Israels Politiker zu einer ganz anderen Symbolik. Verteidigungsminister Avigdor Liebermann nahm den Sieg Nettas zum Anlass für den Spruch „Syriens Machthaber Baschar Al-Assad solle lernen, was heute passiert, zudem solle Ajatollah Ali Chamenei sehen, dass Israel „not your toy“ sei. Auch Jerusalems Bürgermeister Nir Barkat sah durch Nettas Sieg, dass die internationale Boykottbewegung gegen Israel „total gescheitert“ sei. Markante Worte in schwierigen Zeiten für Israel.

Und ja, Jerusalem als Austragungsort für den ESC ist problematisch. Die meisten Länder haben Jerusalem nicht als Hauptstadt Israels anerkannt. Sehr wohl hat dies jüngst die USA unter Donald Trump gemacht. Allein diese Provokation hat in Palästina zu tumultartigen Aufständen geführt. Für Moslems ist Jerusalem eine heilige Stadt, es ist der Ort, an dem ihr Prophet Mohammed gen Himmel gefahren ist. Dass diese Stadt auch die Heimat der ach so verhassten Juden ist, ist dabei nicht erst seit 1948 ein Problem. Durch die Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt durch die Amerikaner ist nun die Souveränität Palästinas gleichermaßen beschädigt worden. Und das auch noch vom Erzfeind USA. Kein Wunder, dass das in einem Land, dessen Bewohner teilweise wie Vieh eingesperrt sind und oftmals nicht mal Zugang zu Wasser und Strom haben für erboste Reaktionen führt.

Reaktionen, die Israel geradezu kaltblütig beantwortet. Mehr als 50 teils unbewaffnete oder gerade mal mit Stöcken bewaffnete Palästinenser hat die Israelische Armee nun bei eben jenen Botschaftsaufständen an der Grenze erschossen. Apelle von Unternehmen wie Ärzte ohne Grenzen werden lakonisch mit einem „Wir haben vorher gesagt, jeder, der sich in Grenznähe befindet, begibt sich in Lebensgefahr“ abgewatscht. Als wären diese Leben nichts wert. Dass Moslems ihre Religion ernst nehmen, oftmals auch weil es das einzige ist, was sie noch haben, stört die Israelis herzlich wenig. Jeder andere würde beim Gedanken, den ESC nach Jerusalem zu bringen zumindest kurz grübeln, ob in Anbetracht dessen, dass schon der Umzug einer Botschaft nach Jerusalem so viele Todesopfer verursachte, es dann eine gute Idee ist, der Stadt auch noch die größte LGBT-Veranstaltung der Welt zuzumuten. Oder anders gesagt, stell dir vor du bist gläubiger Christ und jemand will den ESC im Vatikan abhalten, einschließlich eines Aufeinandertreffens zwischen Ex-Papst Benedikt 16ten und Conchita Wurst. Wenn du solche „Werte“ vertrittst, dann ist es natürlich eine Zumutung, wenn dir jemand die absolute Perversion deiner Werte auf die Fußmatte packt.

Aber auch die ESC-Community ist von der Idee Jerusalems wenig begeistert. Der ESC steht für Freude, ein farbenfrohes Zusammenkommen von Toleranz und Akzeptanz. Da hätte man schon in Tel-Aviv so manches Auge zudrücken müssen. Im Süden der Stadt zum Beispiel haben aktuell ca. 37.000 syrische Flüchtlinge ein vorrübergehendes „Heim“ gefunden. In Israels Regierung nennt man diese aber nicht etwa Flüchtlinge, sondern „Eindringlinge“, die man in ein afrikanisches Land abschieben wollte. Die meisten Israelis sind politisch auch Anhänger ultraorthodoxer Juden. Und eben jene eurovisionäre Diversität und Toleranz steht da nicht auf der Speisekarte. Es gibt öffentliche Busse, in der die ersten Reihen für Männer vorgesehen sind. Schilder in der Stadt Beit Schemesch schreiben Frauen vor, wie sie sich zu kleiden haben und wo sie sich nicht auf den Straßen aufhalten dürfen. Dass Benjamin Netanjahu als Anführer der Likud-partei, eben genau solcher Nationalkonservativer nun Netta für ihre Leistungen gratuliert, ist da geradezu zynisch.

Irgendwie wundert es nicht, dass da Politiker anderer Länder auch schon mit Boykott-Aufforderungen daher kommen. In Island gab es eine Unterschriftenaktion mit 10.000 Unterschriften, die darum baten, nicht nach Israel zu gehen.

Es wäre daher auch naiv zu glauben, dass Netta nun auf einmal Symbol für eine neue, liberalere und säkulantere Zeit in Israel stehen könnte. Auch die irische Sinn Féin Partei ist von der Idee eines ESC in Israel wenig begeistert, vor allem Dublins Bürgermeister Micheal Mac Donncha vergleicht Israel bereits mit Südafrika zur Zeit der Apartheit. Donncha ist allerdings auch vorher schon nicht gerade als Freund Israels aufgefallen, immerhin hat er wegen seiner Aussagen dort bereits ein Einreiseverbot. Auch die Linke Party Schwedens und der Jeremy Corbyn-Gruppe der britischen Labourpartei sind aktuell auf diesen Zug aufgesprungen.

Aber ob in Jerusalem der Event für alle Gäste sicher sein kann, darf wirklich in Frage gestellt werden. In Portugal gelang es der Security ja nicht einmal, den Flitzer und Rapmusiker „Dr ACactivision zu stoppen, bevor er auf die Bühne springen konnte und der britischen Teilnehmerin SuRie das Mikrofon zu entreißen, nur um dann Werbung für sein in kürze erscheinendes Buch über Brexit Verschwörungstheorien zu machen. Ob das mit den Worten „for the nazis oft he UK media, we demand freedom“ so gelungen ist, steht auf einem anderen Blatt. Aber allein, dass dieser Typ überhaupt in die Halle gelassen wurde, ist schon fahrlässig. Zumal er schon zuvor Shows wie X-Faktor Great Britain oder The Voice kapern wollte. Die Tat muss man sich übrigens gesondert noch mal auf der Zunge zergehen lassen. Das ist quasi die britische Variante von Xaiver Naidoo. Nur, dass wir ihn um ein Haar selbst auf die Bühne gelassen hätten.

Wie auch immer, das Gefühl, dass es in Israel und vor allem in Jerusalem wohl entweder nicht möglich sein dürfte, einen Event wie den ESC abzuhalten, ohne dass es zu unschönen Kolateralschäden kommen würde – sei es entweder an den Gästen oder an der protestierenden Palästinischen Bevölkerung – ist wohl nicht ganz von der Hand zu weisen. Dummerweise gibt es aber auch nicht wirklich alternativen, denn der Bürgermeister von Tel Aviv, Ron Huldai hat bereits verkündet, dass er gar nicht vorhat, sich mit seiner Stadt für den Event zu bewerben. Die Menora Mivtachim-Arena mit seinen 11.000 Plätzen wird also wohl nicht Heim der Veranstaltung. Und damit bleibt auch schon nur noch Jerusalem, die einzigen Plätze, die sonst noch groß genug wären für solch einen riesen Event wären das Sammy Ofer Stadion in Haifa und das Turner Stadion in Beersheba, beide haben aber kein Dach, was Voraussetzung für den Event ist. Und damit gibt es nur noch das Teddy Stadion der Fußballer mit seinen 31.000 Zuschauern Fassungsvermögen oder die Jerusalem Arena der Jerusalemer Basketballer (15.600 Plätze). Überraschung… es heißt: Jerusalem, this is Europe Calling. Ich prognostiziere schon mal, dass die deutschen Punkte wohl wieder von Anke Engelke übergeben werden, wie damals in Aserbaidschan.

Aber wer weiß, vielleicht kann der Charakter des ESC am Ende ja doch zumindest ein wenig abfärben. Vielleicht gelingt es dem ESC zumindest etwas Farbe in das Land hinein zu tragen, dass derzeit so grau und trostlos wirkt. Genug knallige Farben hat Netta dafür zumindest getragen. Und wenngleich die Israelische Regierung schnell damit angefangen hat, den Event für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, so sehr hat Netta auch für viele Israelis eine Vorbildfunktion eingenommen. Nicht nur für viele Mädchen, die unter den Schönheidsidealen ihrer Gesellschaft leiden und nun endlich jemanden haben, der ihnen Zeigt, dass sie auch mit ihrer eigenen Persönlichkeit Erfolg haben können. Auch genau so wie Netta aus einem schüchternen unbeliebten Mädchen zu einem beliebten, selbstbewussten Star wurde, so sehen sich die Israelis auch selbst. Ihre Grundsätzliche Einstellung ist es, dass sie ausserhalb ihrer Grenzen niemand mag. Entsprechend wenig Begeisterung gab es am Anfang für Nettas Ambitionen. Und am Ende feierte ein ganzes Land bis tief in die Nacht. Weil mit dem Event wohl auch die Erkenntnis kam, dass man außerhalb Israels nicht nur Feinde hat. Bisher hörte das Land seit seiner Existenz nur das negative, die meisten Nachbarn wollen ihre Existenz am liebsten auslöschen. Das bekommt man auch in Israel mit. Und jetzt ist da dieser helle Blitz in die Mauer aus Hass und negativer Erwartung eingefahren. Ein wenig zeigt das vielleicht der Blogeintrag der Israelischen ESC-Bloggerin Shi, den man hier lesen kann. http://www.escgo.com/2018/05/14/the-view-from-san-francisco-lisboa-jerusalem/

Auf jeden Fall war es ein Event der Symbole, mehr denn einer der Musik wie noch im letzten Jahr. Jetzt ist erst einmal wieder bis Weihnachten Ruhe. Zeit, die man beim NDR zum Beispiel nutzen könnte, um die Juroren etwas qualifizierter auszusuchen. Wobei das ein europäisches Problem ist und ein Thema für sich ist. Denn wie Juroren die Songs aus Schweden und Österreich so hoch bewerten konnten, dafür Dänemark, Tchechien und Ukraine so dermaßen abstraften, bedarf eigentlich einer Erklärung. Sowas kann nur passieren, wenn man Leute in die Jury setzt, die den Geist des ESC überhaupt nicht verstanden haben. Aber das Thema ist eigentlich ein eigener Blogeintrag für sich. Leider muss man als Juror eine Musikkarriere aufweisen, sonst hätte ich mich ja fürs nächste Jahr beworben. So werde ich wohl doch erstmal nur danach gucken müssen, was es in Israel für Süßigkeiten gibt. Walnüsse, Sesam, Datteln, Halva… yummi. ^^

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