Eurovision 2017 – Die Nachwehen.

Fünf Tage hat es gedauert, da ist sie auch schon in die Öffentlichkeit gelangt. Die Antwort der Schwedischen Popindustrie auf die Rede des ESC-Siegers.

Dieser hatte noch auf dem Siegerpodest verlauten lassen „Wir leben in einer Welt völlig austauschbarer Musik – Fast-Food-Musik ohne jeden Inhalt.“ Und nun hat das Paradebeispiel eben jenen Trivial-Popmusikers via Instagram seine Meinung dazu Kund gegeben. Schwedens diesjähriger Teilnehmer Robin Bengtsson

„Glückwunsch zu deinem Sieg. Ich mag deinen Song und deine Art zu singen, aber deine Rede nach dem Sieg beim ESC war unter dem Niveau eines wahren Siegers. „‚Fast Food‘-Popmusik kann zum richtigen Zeitpunkt das Großartigste der Welt sein – genau wie dein wunderschöner Song. Es gibt Platz für alle.“

Na denn… schauen wir uns Schwedens Song doch mal an. Ich versuche eine Antwort darauf zu finden, in welcher Situation sein Song „i cant go on“ die Voraussetzungen für einen richtigen Zeitpunkt erfüllt, um das wundervollste der Welt zu sein.

Das wird eine Herausforderung für mich. Fangen wir mit dem Künstler an. Der wurde 2008 mal bei einer Castingshow dritter und brachte 2008 in zwei Monaten gleich 7 Singles raus, die alle maximal eine Woche in den Charts zu finden waren. Einer etwas erfolgreicheren Top-10-Single im Jahr 2009 folgten 7 lange Jahre vermutlich als Autoverkäufer, bevor ihn die Merion Music Group für das Melodienfestivalen wieder entdeckte. Natürlich ist das Bewerten des Aussehens eine höchst subjektive Sache, aber wenn ich den Charme, den er ausstrahlte in ein Bild packen sollte, dann wäre das vermutlich das eines wichtigen Spielers von Schalke 04, der zwei Tage vor einem wichtigen Spiel seinen Wechsel zu Borussia Dortmund verkündet. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Type mit seiner 1942-Gedächtnis-Frisur und dem geradezu botoxverdächtigen Modelgesicht verantwortlich dafür sein wird, dass ich das wundervollste irgendwas der Welt empfinde, nagt wie ein schwarzes Loch kräftig an meiner Vorstellungskraft.

Robin Bengtsson (Bildquelle www.eurovision.de)
Robin Bengtsson (Bildquelle www.eurovision.de)

Aber aussehen ist ja nicht alles. Schauen wir uns doch mal den Text seines Songs „i cant go on“ an. (Einem übrigens typischen Popsongs, kurze Strophe, Refrain, bridge, Refrain Ende.)

I can’t go on, I can’t go on, gotta keep it together
Don’t get me wrong, don’t get me wrong, cause baby you make me better
Hey, With just one look you make me shiver, I just wanna take you home
Wanna go, aaaah, Yeah I wanna go, aaaah
Now girl you make me a believer, I wanna take off all my clothes
Wanna go, aaaah, you make me wanna go, aaaah
I just can’t go on no more, when you look this freakin‘ beautiful
Ooh hands down to the floor my love, and I’m doing whatever you want
I can’t go on, I can’t go on, when you look this freakin‘ beautiful
I can’t go on, I can’t go on, when you look this freakin‘ beautiful
You’ve got me good, you’ve got me good, and I’m not going nowhere
Right in your hook, that’s understood, but I’mma take you somewhere
I just can’t go on no more, when you look this freakin‘ beautiful
Ooh hands down to the floor my love, and I’m doing whatever you want
I can’t go on, I can’t go on, when you look this freakin‘ beautiful
I can’t go on, I can’t go on, when you look this freakin‘ beautiful
So freakin‘ beautiful, baby I’m just can’t go on, I can’t go on
I can’t go on, I can’t go on, I can’t go on, when you look this freakin‘ beautiful
I can’t go on, I can’t go on, I can’t go on, I can’t go on, when you look this freakin‘ beautiful
So freakin‘ beautiful, baby I’m just can’t go on,

Na, wenn euch das nicht in extase versetzt… ich bin sicher, da draußen warten hunderte Frauen, die für das Kompliment „your look this freakin Beautiful“ schon ganz feuchte Höschen haben… NOT.

Dann bleibt ja nur noch die Show. 5 Plastikmänner im feinen Anzug, alle unterschiedlichster Herkunft, die alle dennoch gleich aussehen, klauen die alte OK GO-nummer mit den Laufbändern aus dem Fitnesscenter. Und gehen auf diesem Mal ein wenig nach vorne, mal ein wenig nach hinten… und grinsen eigentlich nur in die Kamera. Das wars. Und an der Stelle gebe ich auf. Ich kann mir in meinen entferntesten Träumen kein Szenario vorstellen, wo solch ein Auftritt das Prädikat „Perfekt für den wundervollsten Moment meines Lebens“ erhalten würde.

Mein lieber Robin Bengtsson. Du magst grundsätzlich Recht haben, dass beim Eurovision jede Form von Musik seine Berechtigung hat. Dass noch die einfältigsten Songs durchaus für tolle Momente sorgen können ist richtig. Ich sage nur Verka Serduchka. Aber sich nun so angegriffen zu fühlen ist noch viel schlechterer Stil. Natürlich muss man ja irgendwie sein Business verteidigen, aber wenn ich selbst SO eine Nummer aufs Parkett gekotzt hätte, wenn ich auch nur den Hauch von Selbstreflektion zulasse, dann halte ich in solchen Momenten doch einfach nur die Klappe. Es wirft automatisch die Frage auf, ob ein Robin Bengtsson denn auch das Talent hat, einen dümmlichen Song mit einer dümmlichen Show zu einem happening zu machen. Wenn man nun versucht, etwas zu recherchieren und Robin diesen Nimbus des austauschbaren, künstlichen zu nehmen, stellt sich das gar nicht mal so einfach dar. Videos über Auftritte des Künstlers, die NICHT mit seinen zwei ESC-Songs aus den Jahren 2016 und 2017 zu tun haben, bzw. eine Form von Promotion für den ESC darstellen finden sich ganz unten auf Seite 14 (!) der Videosuche Ein Video aus dem Jahre 2009.

Zum Vergleich, bei Salvador Sobral wird man zugeschüttet mit Konzertauftritten und alle sind anders, individuell und größtenteils gut. Gefunden auf Seite 1

Wir müssen das Talent also dem ESC-Publikum überlassen. Wobei 200 Mio Zuschauer ja durchaus aussagekräftig sind. Und siehe da, ich erkenne, dass Robins 5ter Platz zu 63 % den Juroren zu verdanken ist, die ja in der Regel aus seiner Branche kommen. Tatsächlich hat er vom Publikum da, wo Salavador Sobral 376 Punkte sammeln konnte er selbst nur 126 Punkte erhalten, gegenüber satten 218 Punkten aus Jurorenkreisen. Das ist fast das Dreifache. Davon kommen 12 Punkte aus Dänemark und 8 Punkte aus Island, 6 Punkte auf Finland und 5 Punkte aus Norwegen, die auf Grund der gleichen Charts über die Radios vermutlich schon weich gespült wurden. Und 7 Punkte aus dem 400.000 Einwohner Ländchen Malta sind auch nicht ganz so schwer zu erreichen. Wäre es nur nach den Televotern gegangen, wäre Schweden 8ter geworden.

Natürlich, in 35 Ländern jeweils in die Top 10 gerutscht zu sein ist immer noch respektabel. Dein Auftritt war ganz sicher nicht die aller unterste Kanone (hallo Spanien, Hallo Deutschland). Aber er glaubt hoffentlich nicht, dass jemand sich in vier Wochen noch ernsthaft an diesen Auftritt erinnern wird. Den Impact eines Salvador Sobrals wird man – so orakel ich jetzt mal – in einem Jahr noch immer spüren. Weil das eben nicht Fastfood war. Weil es nicht so ein Beitrag war wie ihn Australien, Israel, Dänemark, Norwegen, Zypern oder Griechenland vortrugen, etwas, wo man noch während der Show dreimal den Durchlauf braucht, um sich auch nur an eine Note des Songs zu erinnern.

Natürlich ist es etwas arrogant, wenn der Portugiese daher kommt und die Seelenlosigkeit anderer Songs kritisiert. Aber er hat nun mal Recht! Und er vertritt damit offensichtlich auch die Meinung der Zuschauer. Die haben nämlich diverse solcher Plastik-Auftritte abgestraft. Das zeigen die Votingergebnisse klipp und klar. Wo die Juroren Österreich 93 Punkte gaben, gab das Publikum satte NULL. Australien erhielt von den Juroren 171 Punkte, vom Publikum zwei. Israel kommt auf ein 34:5, Dänemark auf ein 69:8, Großbritannien auf ein 99:12, die Niederlande (da versteh ich es allerdings nicht) auf ein 135:15, Norwegen auf ein 129:29. Während die Nummern, die durchaus einen authentischen Eindruck hinterließen genau den umgekehrten Effekt hatten. Moldawien 110:264, Belgien 108:255, Rumänien 58:224, Ungarn 48:152

Österreich wird von Dreamworks verklagt? (Bildquelle Prinz.blog.de)
Österreich wird von Dreamworks verklagt? (Bildquelle Prinz.blog.de)

Für die perfekt organisierte, nichts dem Zufall überlassende Popindustrie war dieser Eurovision eindeutig eine Niederlage. Jetzt ist Salvador mit seiner ehrlichen, schonungslosen Art vielleicht nicht der netteste Gewinner. Aber die Millionen, die die Popindustrie dadurch scheffelt, dass sie den Markt mit eben solcher schnell austauschbaren Musik überflutet sollte es eigentlich möglich machen, dass man sich auch mal eine Niederlage zugestehen kann. Schließlich stellt Salvador für sie keine Bedrohung dar. Eine Branche, die Millionen mit Helene Fischer und Mario Barth verdient hat am Spirit eines Eurovision Song Contestes eh nur bedingtes Interesse. Das scheint nur leider Robin Bengtsson niemand gesagt zu haben. Der findet sich weiterhin ganz toll und seine Musik weiterhin wichtig. Wenn ich mir angucke, wie viele gute Youtubevideos es von Salvador Sobral gibt und wie viele von Robin Bengtsson, würde ich vorschlagen, dass wir uns in 10 Jahren noch einmal darüber unterhalten. Mal sehen, ob Robin dann immernoch davon überzeugt ist, dass man mit „i cant go on“ eine echt schöne Zeit haben kann. Ich hege meine Zweifel.

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