ESC 2019 – Der Blick in andere Länder 15.02.

Und wieder einmal heißt es: Na, wie bereitet sich Europa so auf den diesjährigen Eurovision Song Contest vor. Ich sag, wie es ist. Es vergeht derzeit kaum ein Tag, an dem ich mir nicht die Augen reibe und mir nur denke „What the Fuck is happening???“ Wenn auch in einem positiven Tenor. Während die letzten beiden Jahre ja doch etwas glattgespült waren, scheint beim Blick ob der „Möglichkeiten“, die in diesem Jahr so die Runde machen der Jahrgang 2019 ziemlich extravaganz zu werden. Über die enormen Augenbrauen und FLippigkeit von Bilal Hassani oder der billigen Partynummer aus Spanien habe ich ja schon berichtet. Aber seitdem sind einige Sachen wirklich bemerkenswert. Wo fange ich da an?

Island: Ja, der Söngvakeppnin steht erst noch aus. Aber die Buchmacher legen sich schon jetzt fest. Wer 1 Euro auf „Hatari“ setzt, erhält nur noch 1,50 zurück. Die Gewinnchancen für Hatari liegen bei 53 %, es braucht ein Wunder für alle anderen, an diesem Hit vorbei zu kommen. Warum das so erstaunlich ist? Weil „Hatari“ eine Dark Wave-Industrial-Lack-und-Leder-Band ist, die zum einen die Gothszene, zum anderen die Sado-Maso-Szene zum jauchzen bringen dürfte. Das ist eine Mischung aus Rammstein und Sigur Ros! Mit Peitschen statt Feuerwerk. Als wäre der Sound nicht schon crazy genug, punktet ihr Song Hatrið mun sigra, was übersetzt soviel wie „Hass ist die Lösung“ heißt, mit einer Surrealen Bühnenshow. Sie selbst geben sich als Gefühlslose Anti-Kapitalisten. Es wirkt ein wenig wie als hätte man sich auf einem echt fertigen Vampire-Larp verirrt. Unglaubliche Nummer.

Australien: Wenn wir schon bei der Stageshow sind… ein weiterer Akt, an den man sich vermutlich noch in Jahren erinnern wird, ist der Beitrag aus Down Under. Kate Miller Heidke ist eine Bildhübsche, junge Opernsängerin. Oper beim ESC ist ja derzeit schwer in Mode. Hier hat man neben Elementen von Mozarts Zauberflöte einige moderne Technobeats mit rein gepackt sodass Sarah Brightman im 5ten Element bereits lieb grüßt. ein ziemlich guter Song… aber das Outfit. Wow! Disneys Eisprinzessin lässt grüßen, nur dass Kates Eiskrone noch etwas cooler aussieht. Ihr Kleid hat eine höhe von ca. 3 bis 4 Metern, was so schon sehr gut zum Song „Zero Gravity“ passt. Aber dahinter ist eine weitere Person auf einer art Wippe unterwegs und wiegt sich wie ein Schilfrohr im Wind scheinbar unkontrolliert in alle Richtungen, ist also quasi Schwerelos… das sieht einfach unglaublich anmutig aus und wird in Tel Aviv super ankommen. Die Australier zumindest konnten sich dafür begeistern, was in einem bockstarken nationalen Qualifier gar nicht so einfach war, zeigten sich doch auch Bands wie Electric Fields als ziemlich harte Konkurrenz.

Finland – Konkurrenzlos war dagegen der Beitrag aus dem Land der 1000 Seen. Weil es keine Qualify-show gab. Sondern der Künstler wurde direkt gewählt. Und er ist kein unbekannter. Darude! Moment… Darude? Ist das nicht der aus Sandstorm? … genau. Es ist der Typ von Sandstorm. Einer der wohl bekanntesten Technosongs der 90er. Das Ding kennt nicht nur jeder. Es ist auch ein Internetkult geworden, wann immer mal jemand z.B. bei einem Video fragt „hey, was läuft denn da für ein Song im Hintergrund“, gibt es mindestens eine Person, die „Darude – Sandstorm“ antwortet. Und auch für pubertierende Teenager ist der Song nicht ganz ohne Bedeutung, er gilt als eine neuere Version der „Pictures of Lilly“. Sprich, eine Musik, die man sich sehr laut anmacht, um ungestört im Zimmer zu bleiben, während man am Rechner eigentlich ganz andere Sachen guckt… xxx…. 😉 Der Song für den ESC von Darude ist natürlich nicht mehr mit dem Darude der 90er zu vergleichen. Auch er ist im 21sten Jahrhundert angekommen. Im Anbetracht der Bühne, auf der er spielt muss man aber fast sagen „schade“. So etwas Rave wäre mal interessant geworden. Als wäre der Event nicht schon interessant genug.

Italien Aus Italien gibts dafür sehr modernen Rap. Von Mahmood gibt es den extrem gut gelungenen Song „Soldi“, welcher dem Italiener vermutlich eine Top 10-Platzierung einbringen dürfte. Zumindest gewann er das San Remo Festival, was eine kleine Sensation war. Die Tickets für Tel Aviv hatte eigentlich schon Ultimo mit seinem Song „I tuoi particolari“ gebucht. Ein Teenieschwarm, ein bedeutungsloser Song, wie man ihn überall auf der Welt alle 5 minuten im Radio hört… was will man mehr. Offensichtlich wollten die Juroren von San Remo aber mehr. Das San Remo Festival ist so schon eine sehr seltsame Show. Das Festival geht über satte fünf Tage. Der letzte Tag zeigt eine Show über fast 6 Stunden. In der treten alle 23 Finalteilnehmer noch an, zwichendurch gibt es noch endlos viele Intervall-Acts. Das ganze Festival hatte teilweise den Charakter einer Karnevals-Kappensitzung, man sah unter anderem fünf Leute im Smoking vor dem Eingang eine Art Karaoke-Act aufführen. Zum Ende der Show dann wurde auf einmal ein Teilnehmer nach dem anderen auf die Bühne gebracht, als würde ihnen die Zeit ausgehen. Die besten drei durften dann nochmal ins Extra-Voting. Das Publikum wäre bei der Verkündung der Top 3 dabei fast auf die Barrikaden gegangen, weil Loredana Bertè und ihr Song „Cosa ti aspetti da me“ nur auf Rang 4 landete und somit Ausschied. Die Moderatoren bekamen das Publikum kaum noch beruhigt, dafür sorgte dann ein Typ mit einigen zwei Meter großen Spielkarten, mit denen er dann billige magische Tricks vorführte. ein geradezu skuriler Intervallact. Bei der Verkündung dann die Sensation: Sieger war Mahmood. Bei einer Wertung 50 % Publikumsvoting, 50 % Jury ist das Ergebnis besonders dahingehend interessant, da das italienische Volk Ultimo 49% aller Stimmen gab, Mahmood aber nur 17 %. Das langte laut Telefon sogar nur auf Platz 3 hinter „Il Volo“ Dass die Jury dennoch Mahmood durchdrücken konnte, sprach für einen Erdrutschentscheid der Juroren. Mal sehen, wie die heißblütigen Italiener damit noch umgehen. Tatsächlich hätte man vor dem Event bei einer Wette von 1 Euro auf Mahmood ganze 50 zurück bekommen. Wettquoten können also auch mal irren. Musikalisch kann uns diese Entscheidung nur recht sein.

Griechenland: Der Song ist noch nicht bekannt, aber dieses Jahr kein Tsatsiki-Pop von den Hellenen. Statt der üblichen schmierigen Plastikperson haben sie sich dieses Jahr für Katerina Duska entschieden. Eine charismatische Alternative-Künstlerin. So als Orientierung, ich habe ja dieses Jahr meinen Geburtstag im Stile einer griechischen Mottoparty gefeiert. Musikalisch versuchte ich, gute griechische Musik zu finden und gab schnell auf. Katerina Duska war eine der wenigen, die es in diese Liste gepackt haben. Es sollte also ein Act sein, auf den man sich freuen können dürfte. Hoffe ich natürlich. Sie bringt auf jeden Fall ein wenig diesen Amy Winehouse-Sound mit, was auch hier grundsätzlich nichts verkehrtes ist.

Polen – Zu guter Letzt noch ein Blick zu unseren östlichen Nachbarn. Es ist ein passendes Ende, denn wenn wir beim wohl unchristlichsten, avangardistischsten Act anfangen, ist es nur fair, beim konservativsten, katholischsten Act aufzuhören. Und dennoch ist es etwas, auf das man sich freuen kann, denn Polen hat sich für den ESC auf „Tulia“ festgelegt. Vier polnische Matronen in einer traditionellen Tracht, wie wir sie schon von den russischen Omas Buranowskije Babuschki kennen. Dazu vierstimmiger, klassischer Folkloregesang. Die vier harmonieren sehr gut miteinander, das ganze erinnert ein wenig an traditionelle georgische Klänge von Tri Mandili. Nur, dass sie auf YOutube auf ihrem Kanal lieber Metallica oder Depeche Mode covern. Übrigens mit einem stark polnischen Akzent. Das kann ja was werden.

Noch stehen auf jeden Fall kaum Songs. Bis zum 10. März wird viel passieren. Dann wird man auch sehen, wie ernst man zum Beispiel Russland dieses Jahr nehmen muss. Die versuchen es erneut mit Sergej Lazarov. Der trat schon vor drei Jahren für Russland an und wurde dritter, mit der wohl atemberaubendsten Bühnenshow, die man seit langem gesehen hatte. Laut Publikum hätte er das wohl auch gewonnen, wenn es da nicht die Juroren und ihren seltsamen Entscheid, doch Jamala gewinnen zu lassen gegeben hätte. Man darf gespannt sein, ob das wieder passieren wird. Wie gesagt, bis zum 10. März wird noch viel Wasser den Jordan hinab fließen. Eigentlich kann man sich bisher fast nur sicher sein, dass England wieder sehr sehr weit hinten liegen wird. Und es ist fast traurig, dass sie nicht sogar noch ihren Song „Freaks“ von Jordan Clarke gewählt haben, einer der wohl schlechtesten, von Pachebels Kanon in D geklauten Songs, die ich in vielen Jahren ESC vernommen habe.

Naja, dennoch. Schon jetzt verspricht es, einer der partytauglichsten Events seit Jahren zu werden. Kauft also schon mal euer Humus, Leute.

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