Ein Fußballspiel dauert… 60 Minuten? Ich glaube, es hackt!

Es war mal wieder soweit. Einmal im Jahr trifft sich das International Football Association Board, kurz IFAB in Belfast. Das ist ein Internationales Gremium, bestehend aus einem Engländer, einem Nordiren, einem Schotten und einem Waliser sowie vier weitere Personen aus den Kreisen der Fifa. Sie treffen sich irgendwo – vermutlich in England – und zermartern sich den Kopf darüber, wie man Fußball noch attraktiver machen kann.

Diese acht Personen haben dabei durchaus ein gewichtiges Wörtchen über die allgemeinen Fußballregeln mitzureden, denn wenn eine Dreiviertelmehrheit dieses Gremiums der Meinung ist, dass sie ihre Idee für total super halten… dann wird es für die ganze Welt als neue Regel bindend. Der IFAB verdanken wir so zum Beispiel das – inzwischen wieder abgeschaffte – Golden Goal und Silver Goal, den vierten Schiedsrichter, den Torlinienrichter, nach langem Kampf die Einführung des Videobeweises, die Erlaubnis und genaue Festlegung der Positionierung von Trikotwerbung oder die gelbe Karte für das vorzeitige Ausziehen des Trikots oder dem Jubeln am Fanzaun.

IBAF

Wer da nun genau an diesem Tisch saß, ist schwer auszumachen, aber das Ergebnis der diesjährigen Überlegungen lassen mir zum Teil die Fußnägel hochrollen. Natürlich, ob es wirklich so kommt, sei immer dahin gestellt und manche Ideen sind auch mal gut oder zumindest so trivial, dass sie einem eh nie wirklich auffallen werden. Bei einem Eckball darf man mit dem Ball nun auch los dribbeln? Geschenkt, mir egal. Ebenso, dass das Spiel erst abgepfiffen werden kann, wenn der Ball im Aus ist. Das fände ich sogar gut.

Aber was da dieses Jahr generell für „Ideen“ raus kamen, ließ mich schon erschaudern. Klar, wenn ich es mit diesen – nach meinen Informationen recht alten – Herren in der IFAB gut meine, dann kann ich vermuten, dass Sie sich auf die Fahnen geschrieben haben, Zeitspielerei und Schauspielerei einen Riegel vorzuschieben, bzw. die Schiedsrichter mehr zu schützen. (Ein Witz, wenn man bedenkt, dass es die IBAF war, die sich über viele Jahre gegen den Videobeweis gewehrt hat).

Lasse ich aber das Teufelchen auf meine Schulter – und wir reden hier von der Fifa, dem Verband mit dem wohl größten Teufel auf der Schulter, den man seit der Gründung der Städte Liverpool und Kaiserslautern gesehen hat – dann scheint es mir doch eher, als hätte man ausschließlich das Ziel, den Fußball für eine bestimmte Gruppe interessant zu machen – den Firmen und Medienunternehmen, die mit Fußball ihr Geld verdienen.

Das Stirnrunzeln zu Ideen wie „Elfmeter beim Rückpass zum Torhüter“ oder „Handspiel auf der Torlinie wird automatisch zu einem Torerfolg“ wären sicher noch keinen Blogeintrag wert, dass der Schiedsrichter ein Team bei Kritik an seiner Person mit Tor- oder Punktabzug bestrafen kann schon ziemlich albern, bei der Idee, beim Elfmeter ab sofort auch während des Spiels keinen Nachschuss mehr zuzulassen klingt im Zeitalter der Superzeitlupen schon sehr TV-sympathisch.

Torlinientechnik

Doch sämtliche Alarmglocken schellen bei mir bei ihrem prominentesten Vorschlag. Eine Reduzierung der Spielzeit von 90 auf 60 Minuten, dafür wird die Uhr bei jeglicher Spielunterbrechung angehalten. Ja, es stimmt schon, dass die Nettospielzeit eines jedes Fußballspieles etwa 60 Minuten beträgt. Und solche Sachen wie Zeitspiel gehören dann wohl wirklich der Vergangenheit an. Was nutzt es, den Ball weit ins Aus zu dreschen, nach Fouls den sterbenden Schwan zu geben und bei einer Auswechslung am besten noch applaudierend und gelangweilt im Schneckentempo das Spielfeld zu verlassen, wenn man dafür nicht eine Minute dazu gewinnt? Man würde damit einigen eher hässlichen Seiten des Profifußballs den Schwung nehmen. Wie gesagt, wenn man es gut mit der IBAF meint, dann mag das Sinn machen. Denn kein Fan eines in Rückstand geratenen Vereins mag das Zeitspiel des Gegners. Und bei solch austrainierten Spielern würden wahrscheinlich auch Wadenkrämpfe urplötzlich zur echten Seltenheit auf dem Feld. (steht beim Fußball Magnesium eigentlich auf der Dopingliste? Die Frage kommt da manchmal schon auf)

Aber da kommt der Teufel auf die Schulter. Ist das wirklich fanfreundlich? Oder nimmt es nicht viel mehr die Emotion für den Zuschauer aus dem Spiel? Der schaut sich das ganze ja auch an, damit er zetern, fluchen und brüllen kann. Das Aufregen, das Verlieren oder die Genugtuung, wenn man trotz des Zeitspiels des Gegners die Partie dennoch irgendwie drehen konnte… der Fußball würde so doch nur noch viel emotionsloser. Er schreibt schon jetzt nur noch sehr wenige Legenden.

Aber was mich am meisten an dieser Idee aufregt… wie sähe für den Zuschauer am TV so ein Spiel dann wohl aus? Ein böses Foul, der Schiri hält die Uhr für eine Minute an? Super. Um die Zeit bis zum weiter spielen zu überbrücken langt nun die Zeit für einen kurzen Werbeblock. Endlich kann man die Bierwerbung bringen, auf die man sonst hätte 45 Minuten warten müssen. Denn man weiß ja jetzt, dass man in der Zwischenzeit garantiert nichts verpassen wird.

Genau diese 45 Minuten Sport am Stück sind mit ein Grund, warum Fußball in den USA nie so wirklich durchstarten konnte. Denn die Amerikaner sind inzwischen geprägt durch vier Sportarten, die genau solch eine Stop-clock-Taktik fahren. Amerikanischer Sport besteht aus kurzen, vielen Episoden. Mit entsprechend vielen Werbeunterbrechungen. Die jahrelange Fütterung des amerikanischen Volkes mit diesen Stop-clock-Sportarten hat dazu geführt, dass sie die Konzentration auf ein Spiel gar nicht mehr für 45 Minuten aufrecht halten können. Kurzum, wenn ein Ami Fußball guckt, dann langweilt er sich zu Tode. Weil ihn der stete Anblick des Spiels, in dem nicht mal viel passiert völlig ermüdet. Er erwartet, er braucht diese kurzen Unterbrechungen, auch um sich über das gesehene auszutauschen. Und Werbepausen sind da genau richtig.

Langeweile

Nun ist Amerika ein Markt, den der Fußball nie wirklich erobern konnte und aus Fußball eine Stop-clock-Sportart zu machen wäre wohl auch nicht viel mehr als eine Anbiederung an diesen Markt – auf kosten derer, die dem Fußball seit mehr als 100 Jahren die Treue gehalten haben. Aber mit den Europäern und Südamerikanern kann man es ja machen. Die sind selbst inzwischen so an den Fußball gewöhnt worden, dass sie sogar eine Championsleague im Pay-TV mitmachen.

Ich persönlich sehe da aber wirklich nur eine weitere Methode, Fußball im Fernsehen NOCH unattraktiver zu machen. Werbefernsehn ist bei mir immer noch mit einem Zapping-Reflex verbunden, da bin ich sicher auch nicht alleine auf der Welt. Und die Spannung eines Spiels würde wohl jede Mal gekillt, wenn man sich durch den nächsten Werbespot quälen müsste, in denen mir Robert Lewandowski noch schnell das Bayern-München-Head-and-Shoulders-Sonderprodukt empfiehlt, während andere Bayernprofis sich mit Braun-Rasierern rasieren.

Solch eine Werbe-rama würde ich wohl nicht mehr lange mitmachen und ich kann nur hoffen, dass diese Idee keine Mehrheit erhält und in der Schreibtischschublade verschwindet. Wenn die Fifa auch nur etwas Respekt vor Tradition hat, wenn die Fifa auch nur für einen Moment an die niedrigeren Spielklassen denkt, die wahrscheinlich gar nicht die technischen Möglichkeiten hätte, um ihre Kreisklassepartie in eine Stop-Clock-Sportart umzuwandeln, dann vergessen sie diese Idee hoffentlich ganz schnell. Aber wen kümmert bei der Fifa schon Amateurfußball und Tradition, wenn man stattdessen Geld verdienen kann…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.