Der 1. FC Köln ist Deutscher Fußballmeister 2016/2017

München. Das politikunterstützte Marketingunternehmen Bayern München hat am vergangenen Samstag zur Sponsorenhauptjahresversammlung eingeladen. Bemerkenswert dabei ein von diversen Zugaben geprägter Auftritt des 90er Jahre One-Hit-Wonders Anastacia, eine xte Auflage der Deutsche-Telekom-Verkleidungskünstler, die sich erneut in ihre weißen Plastikponchos begaben, um drei Punkte sowie den Buchstaben T darzustellen, dazu wurden einige Spieler und sogar ein Schiedsrichter in den frühzeitigen Ruhestand verabschiedet und ausgiebig mit Blumengeschenken oder zum Beispiel ein 350 Euro teurem Golfschlägerset der Firma Taylor-made oder einem Parfumset der Marke Route 66 beschenkt. Um das Gefühl eines freudigen Ereignisses zu simulieren hat zudem der Bierbrauer Paulaner diverse Getränke in großen Gläsern zur Verfügung gestellt, versehen mit dem klaren Auftrag, so viele wie möglich davon über andere, in Adidas-Trainingsanzüge gekleidete Vereinsmitglieder zu kippen.

Man solle dabei aber darauf achten, dass die Kameras der Firma Go-Pro auch wirklich richtig am Glas angebracht sind, denn die dadurch entstehenden Videos sind beim stark Werbefinanzierten Portal Sport1.de zu sehen. Ein kleiner Skandal ereignete sich derweil noch von einigen eingeladenen Gästen aus Freiburg. Kaum bemerkbar wurde das Anastaciakonzert nämlich von zwei mal 45 Minuten Fußballspiel unterbrochen. Natürlich hat die deutlich in die Jahre und vor allem nicht mehr in ihre Jeans gekommene Sängerin sich davon nicht stören lassen und so fast 10 Minuten Zugaben geträllert. Störte dort auch fast niemanden, ebenso die ausschweifenden Verabschiedungen, die ebenfalls für eine Verschiebung dieses unwichtig gewordenen Fußballspiels sorgten. Aber wen interessiert schon Fußball.

Telekom-Fans in München

Gerade, wo man ja auch davon ausgehen kann, dass der SC Freiburg da nix zu sagen wird. Ich meine – für den geht es doch nur um so etwas triviales wie den Einzug in den Uefacup. In solch amateurhaften Dimensionen bewegt sich eine Firma wie Bayern München schon längst nicht mehr. Und da ausschließlich der FC Bayern zählt und das zeigen von Respekt für eine traditionelle, ein mehr als ein Jahrhundert alte Institution nur was für ewig gestrige ist, muss man da auch überhaupt kein schlechtes Gewissen haben.

An dieser Stelle will ich den Ironieknopf mal ausdrücken. Und klar machen, dass diese Meisterfeier des FC Bayern wohl noch dem Letzten gezeigt haben dürfte, wie blutleer, wie tot der Fußball ist. Zumindest in den Kreisen, in dem es nur noch darum geht, bloß nichts mehr dem Zufall zu überlassen. Es war die 5te Meisterschaft in Folge. Und immerhin 15.000 Schaulustige waren dabei, als am Marienplatz die Schale in die Höhe gehalten wurde. Zugegeben, das haben nicht mal alle Spieler mitbekommen, einige waren noch auf dem Balkon des Rathauses mit ihren Handys beschäftigt.

Dieser Moment wird vergessen werden. Weil man es ja vorher schon wusste. Man wusste auch vorher schon, dass der BVB sich für die Championsleague qualifizieren würde, dass mindestens ein spanischer Verein im Championsleaguefinale spielt und es auch gewinnt, man weiß jetzt schon, dass Manchester United gegen Ajax Amsterdam gewinnen wird. Im Grunde weiß man sogar schon jetzt, dass der HSV auch nächste Saison erst nach 34 Spieltagen wirklich weiß, dass er mal wieder nicht abgestiegen ist.

Es gibt in Europa schätzungsweise um die 215.000 Fußballvereine. Von diesen 215.000 Vereinen haben in den letzten 10 Jahren gerade mal 30 Vereine im Viertelfinale der Championsleague gespielt. Ins Halbfinale sind sogar nur 15 unterschiedliche Mannschaften eingezogen. Das sind 0,014 % aller Vereine im Viertelfinale bzw. 0,007 % im Halbfinale. Im Finale standen sich in den letzten 10 Jahren nur 11 unterschiedliche Mannschaften gegenüber. Ein Wettbewerb, der 1990 noch von Roter Stern Belgrad gewonnen wurde. Oder um es noch krasser darzustellen 1982 vom HSV gewonnen wurde…

HSV gewinnt Pokal der Landesmeister 1983

So sind sie nun einmal, die Zeiten im aktuellen Fußball. Erfolg ist Planbar geworden. Verdiene viel Geld, dann kauft man sich den Erfolg auf Kosten derer, die nicht so viel Erfolg haben ein. Wie verdient man Geld? In dem man in jeder Sommerpause eine große Asientour macht und jemanden mit Werbeaktionen so erschlägt, dass man irgendwann mürbe gemacht worden ist. So mürbe, dass man sogar bereit ist, sich in einem weißen Plastikponcho als großes T verkleidet in ein Stadion begibt.

Ich bin leider über 30. Das heißt, ich weiß, wie Fußball früher mal war. Ich weiß noch, wie wir damals, 1996 zu viert in ein Auto gestiegen sind und nach Kaiserlautern gedüst sind, wo der FCK als erster Aufsteiger vorzeitig Meister wurde, weil Bayern 0:0 gegen Duisburg gespielt hatte. Da waren keine 15.000 Leute auf der Straße, da waren 150.000 Leute auf der Straße. Und alle konnten ihr Glück gar nicht fassen. Überall wurde getanzt und gesprungen und gefeiert, alle waren so happy. Und es war ansteckend. Ich erinnere mich, irgendjemand hatte mir warum auch immer auf die Jacke gespuckt. Und es war mir egal. Die Meisterschaft war wichtiger.

Ein ganz ähnliches Erlebnis hatte ich 2006 ebenfalls in Kaiserslautern, als die Stadt geflutet war von Costa Ricanern, Schweden, Fans aus Trinidad, Ghana, Tschechien und Italien und sie alle die Stadt in ein großes Freudenhaus verwandelten, einfach nur, weil sie Teil dieser WM sein konnten. Auch jedes Mal ein Erlebnis war ein Fußballspiel der Färöer-Inseln. Aber heutzutage muss man diese Momente suchen. Geplant und gewünscht sind sie offensichtlich nicht mehr. Gerade bei Bayern München zeigt sich das besonders. Die haben in den letzten drei Jahren zweimal das Halbfinale und einmal das Viertelfinale dieser Championsleague erreicht, sind auch dreimal Meister geworden und einmal Pokalsieger. Alle diese Saisons wurden als Verkorkst bezeichnet. Das muss man sich mal vorstellen. Verkorkst. Jegliche Form von Demut ist da vollkommen verloren gegangen. Eintracht Trier hat einmal das Halbfinale des DFB-Pokals erreicht. Davon träumen sie heute noch. In München erscheint eine jede Freude über eine Meisterschaft inzwischen unglaubwürdig und konstruiert. Weil man den eigenen Anspruch inzwischen eben der Planbarkeit des Erfolges angepasst hat. Und im Vergleich zu Real Madrid oder Barcelona eben doch genau das sind, was sie nicht sein wollen. Ein Mittelklasseverein.

Und warum ist Köln jetzt deutscher Meister? Weil sie in Köln die Bedeutung des Fußballs nicht vergessen haben. Die haben sich nach 25 Jahren zum ersten Mal wieder für die Europaleague qualifiziert. Und weil die Kölner danach vor Freude ihr Stadion nebst angrenzender Ortsteile abgerissen haben. Da waren Kölnfans, die haben geweint vor Freude. Ob einem 5ten Platz in der Bundesliga. Die werden diesen 20. Mai in ihrem Leben so schnell nicht mehr vergessen.

Diese Freude, diese Identifikation, die dich zu Tränen rühren kann, die du mit dir trägst und die du auch 20 Jahre danach noch erzählen kannst, sie sind es, was den Fußball in der Bevölkerung so wichtig und bedeutend gemacht haben. Gerade in einem Land, dass dieser Sportart dank einer Weltmeisterschaft im Jahre 1954 so viel zu verdanken hat, sollte man eigentlich nicht aus dem Auge verlieren, dass es manchmal eben ums Herz und ums Gefühl gehen sollte und nicht um den Kontostand. In München wird man dafür natürlich ausgelacht. Natürlich, das ist ja auch weltfremd. Aber eins werden die Bayern niemals sein: Legendär. Das einzige, was von dieser Saison letztendlich übrig bleiben wird, ist der 5te Platz des 1. FC. Köln. So wie es im letzten Jahr der Klassenerhalt von Darmstadt 98 war. Und in 20 Jahren wird sich niemand mehr in München an diesen 20. Mai erinnern, an Anastacia oder die Videos der Bier-Kamera. In Köln hingegen wird man sich an Osakos 2:0 gegen Mainz noch lange erinnern. Und deswegen ist für mich Köln dieses Jahr Fußballmeister. Weil sie der beste Verein von denen waren, die noch wirklich in der Lage sind, Herz zu zeigen. Ich bin bei leibe kein Köln-Fan, aber ich gönne es ihnen aus vollstem Herzen.

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