Dannimax goes Cinema! Heute: The Blackkklansman und Ballon

Ja, der Herbst ist da und mit ihm die Zeit der Kinofilme. So hat es mich diese Woche auch zweimal in Triers Flimmerkisten gezogen und beide Male habe ich durchaus ansprechende Filme zu sehen bekommen, die – so verschieden sie auch sein mögen – ein Stück weit sogar im Zusammenhang miteinander stehen. Die vor allem aber beide wichtig sind. Beides sind wahre Begebenheiten aus Zeiten, in denen das Leben für die Beteiligten alles andere als rosig waren, Zeiten die wir inzwischen überstanden haben und dennoch nicht an Aktualität verloren haben, da derzeit mehr denn je Stimmen gibt, die sich scheinbar solche Muster zurück wünschen. Beide Filme erinnern sehr eindrucksvoll daran, warum so etwas nicht noch einmal passieren darf. Die Rede ist von Blackkklansman und „Ballon“. In dem Sinne: SPOILERALARM!!!

Ich will chonologisch beginnen. Zuerst habe ich mir Blackkklansman angesehen. Der Film entführt den Zuschauer in die USA der 70er Jahre und erzählt die Geschichte von Ron Stallworth, dem ersten afroamerikanischen Polizisten in der Polizei von Colorado und wie er als Undercover-Agent erfolgreich den Ku-klux-Clan infiltriert. Der Trailer implizierte eine knackige Komödie rund um alles, was in den 70ern cool war. Afro-Looks, Disco, Shaft-artiges Auftreten, Black Panther und natürlich völlig verblödete Klu-Klux-Klanmitglieder. Der eigentliche Film hatte jedoch wirklich gar nichts mit einer Komödie zu tun. Blackkklansman ist ein verhältnismäßig ernstes Drama und geht letztendlich wohl als Kriminalfilm durch.

Ich muss gestehen, dass dieser Trailer dem Film damit keinen Gefallen getan hat. So qualitativ gut der Film von Regisseur Spike Lee auch war, man ist mit der Erwartung einer Komödie in den Film hinein gegangen und hat entsprechend den Gags entgegen gefiebert oder sich überlegt, ob und wie der Film wohl als Komödie hätte funktionieren können. Auch dass im Trailer Produzent Jordan Peele (Get out) – im Duo mit Keegan-Michael Key als Comedyduo Kay & Peele bekannt – extra erwähnt wurde, obwohl Regie und große Anteile der Produktion eben von Spike Lee gemacht wurden, nährte diese Erwartungshaltung.

Der Film hatte zwar tatsächlich einige sehr zotige Stellen, aber eben keinesfalls den Humor, den der Trailer vermittelte. Sehr früh zeigt sich, dass das treibende Thema dieses Films Rassismus ist. So wird Ron Stallworth gespielt von John David Washington, dem Sohn von Denzel Washington – zu Anfang seines Dienstes bei der Polizei erst einmal im Archiv eingesetzt, um unwichtige Arbeiten zu erledigen und einige Kollegen zeigen sich ihm gegenüber arg rassistisch und abwertend. Als er den Wunsch nach höherwertigen Arbeiten erwähnt, wird er als Undercover-Polizist zu einer Black-Panther-Veranstaltung geschickt, was bei ihm auch nicht sonderlich gut ankommt. Auch wenn er sehr pflichtbewusst ist, fühlt er sich natürlich nicht dabei wohl, quasi das eigene Volk auszuspionieren. Entsprechend gefrustet entschließt er sich, den Spieß nun einmal umzudrehen und ruft vom Büro aus bei der örtlichen Gruppierung des Ku-Klux-Klan an und gibt sich als Rassist der übelsten Sorte aus. Die kaufen Ron seinen Auftritt ab zeigen sich tatsächlich an einem Treffen interessiert. Seine Einheit zeigt sich aber an Investigationen beim KKK durchaus interessiert. Da Ron dummerweise im Telefonat seinen eigenen Namen verwendet hat, muss sich einer seiner Kollegen, Flip Zimmermann (gespielt von Adam Driver, bekannt als Kylo Ren in Star Wars) nun als Ron ausgeben, während dieser sämtliche Telefonate führen muss, um nicht aufzufliegen. So gibt es auch eine recht unterhaltsame Stelle, wo die beiden ihre Sprachweise und Akzent aufeinander abstimmen.

Flip erkennt beim Erstkontakt tatsächlich, dass beim KKK etwas im Busch ist und weitere Investigationen notwendig sind. Der arg misstrauische Felix (Jasper Pääkönen) wirkt wie eine loose canon und der betrunkene „Ivanhoe“ (Paul Walter Hauser) deutet an, dass sie irgendeinen Sprengstoffanschlag planen. Im Gegensatz zu Felix zeigt wich Walter (Ryan Eggold) deutlich seriöser und vorsichtiger, ebenso gewillter, Flip in den Kreis der KKK aufzunehmen.

Und auch Ron taucht tiefer in die Welt des KKK ein. Als er nach seinem Mitgliedsausweis nachfragt, kommt er so in Kontakt mit David Duke, den Vorsitzenden des KKK, welcher einen Narren an Ron gefunden hat und daher immer wieder anruft.

Das ganze eskaliert, als klar wird, dass der Bombenanschlag einer farbigen Namen Patrice gelten soll, die nicht nur die örtliche Präsidentin des Black Students Union von Colorado Springs ist, sondern auch noch Rons Freundin. Diese weiß nicht, dass Ron Polizist ist und hat von den „Pigs“, wie sie die Polizei nennt alles andere als eine gute Meinung. Als Ron von dem geplanten Bombenattentat auf sie erfährt, will er sie warnen und offenbart ihr daher seinen Beruf. Das hat aber nur zur Folge, dass sie ihn wutentbrannt an Ort und Stelle stehen lässt.

Mit dem Teil des Bombenanschlags verlässt der Film dann auch endgültig den Part der Realverfilmung und geht seinem Hollywoodeskem Sein nach. Etwa das erste Drittel des Filmes sind wirklich so geschehen, Bombenanschlag und dessen Vereitelung, ähnlich wie die Initiierung Flips in die KKK sind unterhaltsam gestaltete Fiktion. Doch auch hier holt einen die Realität zum Ende hin wieder ein. Nicht nur durch den Auftritt von Musiker Harry Belafonte (91 Jahre), der von der Misshandlung eines unschuldig verurteilten Farbigen erzählt und wie quasi die hetzerische Verfilmung der Missetat zur Gründung des KKK führte. Sondern auch durch das Ende des Films, als man einfach vierzig Jahre nach vorne schaltet und Originalbilder der Geschehnisse um Charlottesville sieht, einschließlich dieser Aussage von Trump, es hätte ja Böse Leute auf beiden Seiten gegeben und einer Rede von eben jenem David Duke, der eben immer noch unterwegs ist und die Leute gegen die Afroamerikaner aufhetzt.

Der Film kommt daher auch auf die Menschenrechtsaktivistin Hether Heyer zu sprechen, die in Charlston von einem KKK-Sympathisanten mit dem Auto überfahren wurde und starb. Es sind erschreckende Bilder und als Deutscher kommt man nicht drum herum, auch an Chemnitz zu denken, wo sich ähnliche Bilder offenbarten. Rassismus und ihre Häscher sind in jedem Land eine Bedrohung. Es ist wichtig und richtig, Leute daran zu erinnern.

Für den Film gibt es daher auch eine gute Bewertung. Der falsch gestaltete Trailer gibt einige Abzüge, auch hatte der Film ab und an seine Längen, da sich Spike Lee auch an etwas Bildpoesie gewagt hat. Und ab und an trägt er doch etwas dick auf. Aber für gute Unterhaltung hat es gereicht. Daher 4 von 6 Afro-Frisuren.

Gingen einem die Bilder von Charlottesville schon recht nahe, sollte Film zwei das aber mühelos toppen. Es ist vermutlich auch ein Unterschied, ob man sich mit amerikanischer Geschichte befasst, die ja eben doch eben etwas entfernt ist, oder eben doch mit der eigenen Geschichte, dessen Auswirkung man meist ja doch am eigenen Leib erfahren hat. Genau dahin entführt einen der neue Film von Bully Herbig. Es geht wieder in die 70er Jahre, genau genommen ins Jahr 1979, als am 16ten September den Familien Strelzyk und Wetzel die berühmte „Ballonflucht“ gelang.

Bully Herbig? Der Typ vom Schuh des Manitu? Ähnlich wie beim Blackkklansman hätte man auch hier eine Komödie erwarten können, denn nie zuvor hat Michael Herbig etwas anderes produziert. Bisher kamen aus seiner Feder Sachen wie Traumschiff Surprise, Lissi und der Wilde Kaiser, Wickie und die starken Männer oder solche „wertvollen“ Filme wie „Stefan und Erkan“. Zum ersten Mal versucht er sich an einem ernsten Drama… und ich wünschte, er hätte nie etwas anderes gemacht. Ballon ist von der ersten bis zur letzten Minute Bockstark. Von Comedy ist keine einzige Sekunde etwas zu spüren, stattdessen ist der Film von Anfang an so spannend, dass ich den Mund kaum zubekommen habe. Mitunter ein Verdienst von der Filmmusik, die Ralf Wengenmayer sehr gut hin bekommen hat. Der hat sich dahingehend bei Hans Zimmer bedient, der für den Film Dunkirk ja ständig eine Uhr laufen ließ. Auch Ballon hat diese Percussion-Elemente, die ihre Wirkung nicht verfehlen.

So verfolgte ich die Geschicke von Familie Strelzyk aus Pößneck in Thüringen, als wären meine Sinne geschärft und in Alarmbereitschaft. Schon in der ersten Szene, als Frank Strelzyk (Jonas Holdenrieder) in der Schulaula mit der ganzen Familie seinen Schulabschluss feiert und dazu ein Regierungsarbeiter seine Rede für die Zukunft hält (während man Zeitgleich Bilder davon sieht, wie Grenzsoldaten eine flüchende Frau erschießen), fühlt man sich durch diesen Redenhalter irgendwie bedroht. Sein „Wir behalten euch im Auge“ wirkt bereits arg zynisch. Und wenn man dann Franks Familie kennen lernt, nebst dem 9-järhigen Andreas (Tilman Döbler) die Eltern und Hauptdarsteller des Films, Peter (Friedrich Mücke) und Doris Strelzyk (Karoline Schuch) merkt man, dass alle irgendwie angespannt wirken, irgendwie nervös. Die anschließende Heimfahrt mit dem Nachbarn und Stasi-Mitarbeiter Erik Baumann (Ronald Kukulies) verläuft nicht viel entspannter, denn die Strelzyks haben offensichtlich Angst, auch nur ein falsches Wort zu sagen.

Nicht verwunderlich, denn sie warten eigentlich nur noch auf Nordwind. Heute soll es so weit sein, sie haben zusammen mit den befreundeten Günter und Petra Wetzel (David Kross und Alicia von Rittberg) einen Heißluftballon gebastelt und wollen mit diesem nun über die Grenze fliegen. Das klappt aber alles nicht so richtig, erst springen die Wetzels ab, dann versagt beim Flug ihr Höhenmeter und die Gastanks frieren soweit zu, dass nicht mehr genug Feuer für den Ballon übrig bleibt. Ihr Flug endet 500 Meter vom eisernen Vorhang entfernt. Sie müssen den Ballon zurück lassen und zu Fuß ca. 10 Km zurück zu ihrem Auto laufen.

Was folgt ist die erdrückende Paranoia der Strelzyk vor dem Staat. Dieser wird hervorragend in Szene gesetzt, jeder neugierige Blick lässt einen Spion vermuten und tatsächlich findet die Stasi natürlich den Ballon und versucht über den gut gespielten, fiesen Oberstleutnant Seidel (Thomas Kretschmann) den Besitzer ausfindig zu machen und diesen Volksverräter hinter Schloss und Riegel zu bringen. Da beim Ballon zumindest ein paar wenige Indizien auf die Familie zu finden ist, führt dies zur Panik. So hat Doris zum Beispiel ihre Medikamente vor Ort liegen gelassen. Und Frank hat sich in die Nachbarstochter Klara Baumann (Emily Kusche) verliebt und ihr noch einen Abschiedsbrief in den Briefkasten geworfen, den er nun wieder aus selbigen Fischen muss, ohne dass er von Nachbar Erik oder dessen Hund entdeckt wird.

Entsprechend groß ist die Verzweiflung, die sie letztendlich dazu bringt, anders zu flüchten. Erst versuchen sie ihr Glück über die amerikanische Botschaft in Ost-Berlin, bemerken aber, dass diese viel zu gut bewacht ist, um auch nur eine Nachricht zu übergeben. Sie packen es zwar, einen Hilferuf in einer Zigarettenschachtel zu verstecken und einem Diplomaten zuzustecken, aber dies hat überhaupt keinen Effekt. Also wollen sie es wieder über den Ballon versuchen. Als sie 200 Meter Stoff im Laden kaufen wollen, werden die Verkäufer dort aber – bereits gewarnt durch Verordnungen der Stasi – stutzig und müssen erst einmal „im Lager nachfragen“, obwohl die Ware auch in der Menge offen bei denen rum liegt. Damit ist Seidel nun auch gewarnt, dass da jemand einen zweiten Versuch mit einem Ballon machen wird und erweitert seine Suche. Bald schon kommt er dahinter, in welcher Region er nach den „Volksverrätern“ suchen muss.

Es ist tatsächlich diese Stasi-Jagd, die die einzige Fiktionskomponente des Filmes ist. Zwar hatte die Stasi damals in der Tat eine Zeitungsanzeige in der Region aufgegeben, die die Leute dazu aufrief, jegliche größere „Nähaktivitäten“ im Umfeld zu melden, aber diese Hausdurchsuchungen und Helikopter-Untersuchungssachen haben an der Stelle so nie stattgefunden. Es stört den Film aber nicht, es gelingt eher immer weiter Spannung aufzubauen, um zu sehen wie sich so die Schlinge immer weiter um die Strelzyks und bald auch um die Wetzels zieht, die im Gegensatz zum ersten Versuch nun auch entscheiden, mit den Strelzyks zusammen zu fliehen.

Auch hatte die Familie etwas mehr Zeit als nur sechs Wochen zwischen den jeweiligen Fluchtversuchen, genau genommen fanden diese am 3ten Juli 1979 und am 15. September statt, im April gab es zudem noch einen gescheiterten Test, auf den der Film gar nicht erst eingeht, beziehungsweise Erkenntnisse aus diesem Test in den anderen Fluchtversuchen zusammen fasst.

Dass die Flucht am Ende knapp gelingt, ist natürlich in Deutschland ähnlich bekannt wie dass die Titanic untergegangen ist. Und dennoch kann sogar das irgendwie spannend vermittelt werden. Die beiden jeweils vierköpfigen Familien landen so also mehr schlecht als recht in einem dunklen Waldstück, zwei bayrische Polizisten finden die Familie und sorgen so noch für eine bittersüße Schmunzette.

Schon die Antwort „Sind wir hier im Westen?“ „Nah, sie san hier in Oberbayern“ war irgendwie doppeldeutig, dass einer der Polizisten beim Anblick der beiden aus dem Wald rennenden Familien erschreckt den Satz „Wie viele kommen denn da noch?“ äußert, hat unter Betrachtung der aktuellen Flüchtlingspolitik gleich nochmal Geschmäckle. Und dennoch, als Zuschauer ist man froh, dass die Flucht gelungen ist. Auf eindrucksvolle Art und Weise hat „Ballon“ daran erinnert, wie damals die Zustände in der DDR waren, wie der Alltag von Misstrauen, Verrat und Polizeiwillkür geprägt wurde. Wie undenkbar nach heutigen Maßstäben ein solches Leben wie das der Bewohner der DDR gewesen sein muss. Man bekommt vor Augen gehalten, wie problematisch totalitäre Systeme sind und sorgt dafür, dass man absolutes Verständnis dafür hat, dass die Strelzyks flüchten wollen. Es ist ein Stück weit erstaunlich und traurig, dass es nur 30 Jahre gebraucht hat, bis ein bemerkbarer Prozentsatz der deutschen Bevölkerung diese Lebensverhältnisse komplett vergessen hat und so unempathisch reagiert, wenn es nun Flüchtlinge eines anderen Landes sind, die aus genau solchen totalitären Umfeldern flüchten wollen.

Nein, Ballon kommt genau zur richtigen Zeit. Er ist als Film bedeutend. Soweit bedeutend, dass sich Lehrer eigentlich überlegen sollten, demnächst mit ihren Klassen mal einen Schulausflug ins Kino zu machen. Ich für meinen Teil bin von diesem Film wirklich beeindruckt. Es war eine spontane Entscheidung, in den Film rein zu gehen, doch er wurde belohnt. Für „Ballon“ gibt es die volle Punktzahl, 6 von 6 Heißluftballons

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