Dannimax goes Oscar! Heute: Green Book

Weiter gehts in der Serie der Filme, die 2019 eine Nominierung für „Best Picture“ erhielten. Nachdem BlacKkKlansman, Bohemian Rhapsody und The Favourite ihre Wertung bereits auf www.dannimax.de erhalten haben, wird es nun Zeit für Nr. 4. „Green Book“ von Peter Farrelly. Wie er so war? Das erfahrt ihr wie immer nach dieser Spoilerwarnung.

Wait… what? Peter Farrelly bei den Oscars? In der Kategorie Bester Film und auch Bestes Originaldrehbuch? Was ist da passiert? Peter Farelly ist unter anderem als Produzent für „Movie 43“ verantwortlich, der trotz eifriger Mithilfe von Dennis Quaid, Hugh Jackman, Kate Winslet, Chris Pratt, Emma Stone, Richard Gere, Uma Thurman, Gerard Butler oder Hale Berry im Jahr 2014 gleich drei goldene Himbeeren abstaubte, auch noch genau in den Kategorien schlechtester Film, schlechteste Regie und schlechtestes Drehbuch. Zudem verdanken wir ihm zusammen mit seinem Bruder Bobby Farelly Filme wie „Dumm und Dümmer“, „Verrückt nach Mary“, „Schwer verliebt“, „Nach 7 Tagen – Ausgeflittert“ oder „Die Stooges – Drei Vollpfosten drehen ab.“ Und jetzt ein Film auf Oskar-Format? Ist da etwa ein Schmetterling aus der Raupe entwachsen?

Es könnte sein. Denn Green Book ist einfach Großartig! Anders als es seine bisherigen Filme vermuten ließen, handelt es sich bei diesem Film nicht um eine Blödelkomödie mit Adam Sandler oder Ben Stiller. Es ist vielmehr ein durchaus sozialkritischer Feel-good Roadmovie rund um eine wahre Begebenheit, nämlich die Südstaaten-Tour des schwarzen Pianisten Don „Doctor“ Shirley, gespielt von Mahershala Ali. Dieser hat sich dazu einen Chauffeur organisiert, den Italo-Amerikaner Tony „Lip“ Vallelonga (Viggo Mortensen), welcher durchaus bekannt dafür ist, anfallende Probleme zuverlässig und unkonventionell zu lösen. Und Probleme sind zu erwarten, denn der Film spielt im Jahr 1962 und die Rassentrennungen in den USA sind noch ein absolutes Thema, gerade in den Südstaaten.

Es treffen dabei nun zwei Charakterköpfe aufeinander, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Auf der einen Seite Tony „Lip“ Vallelonga. Seinen Namen verdankt er seinem Talent des „Bullshit redens“, womit er immer wieder andere Leute so lange erfolgreich bequatscht, bis sie tun, was er will. Er lebt mit seiner Familie (Frau Dolores, zwei Kindern und gefühlt der ganzen italienischen Sippe) auf Arbeiterklassenniveau, ist ständig knapp bei Kasse und versucht sein Geld als Türsteher, Müllwagenfahrer oder Hot-Dog-Wett-Esser zu gewinnen. Auf der anderen Seite Don Shirley, ein Intellektueller, den sein Talent als Klassische Musik- und Jazzpianist schon zweimal ins Weiße Haus führte, viele Sprachen spricht, mit Geld nur so um sich wirft und auch sonst hochtalentiert und kultiviert ist.

Und das Ganze funktioniert irgendwie. Mortensen und Ali haben eine enorm gute Chemie. Vor allem Mortensen, der für die beste Hauptrolle nominiert wurde macht Spaß. Er redet ununterbrochen und in der Tat meistens Bullshit. Wenn er nicht gerade redet, frisst er unentwegt, meist Fastfood. Die stete Frage, was der heißblütige Italiener wohl als nächstes vom Stapel lässt entwickelt sich zum Genuss, gekoppelt mit der steten Vorstellung „Oh Gott, das ist der selbe Typ, der Aragorn im Herrn der Ringe gespielt hat!“ Bei diesem Film sieht man hervorragend, wie Schauspielerei zwei völlig unterschiedliche Personen hervorrufen kann.

Doch Tony Lip geht auch eine Entwicklung durch. Am Anfang des Films ist auch er ein Produkt seiner Zeit und damit ein Rassist. Als zwei farbige Installateure seine Küche reparieren und Dolores ihm etwas zu trinken gibt, wirft Tony danach die Gläser weg, aus denen die Handwerker getrunken hatten. Auch die Vorstellung, einen Chauffeur-Job für einen schwarzen anzunehmen schmeckt ihm am Anfang gar nicht. Doch der Job ist nun einmal gut bezahlt, er braucht ihn. Über die Fahrt kommen sich die beiden dann natürlich näher und immer mehr erkennt Tony, wie problematisch diese Rassentrennung ist. Bezeichnend dabei ist das sogenannte „Green Book“, ein Reiseführer, der klar ausweist, welche Hotels in welchen Städten für Schwarze sind und welche für weiße. Tony ist schnell angetan von der Art und dem Talent des „Doctors“ und wundert sich immer mehr, in welchen billigen Absteigen Shirley gezwungen ist, unterzukommen. Je weiter sie in den Süden reisen, umso extremer wird es, darin gipfelnd, dass es Don Shirley trotz gutem Zureden nicht erlaubt wird, in dem Restaurant zu essen, in dem er auch spielen soll.

Übrigens ist auch Mahershala Ali sehr überzeugend in seiner Rolle. Denn für die weißen ist er natürlich kein gleichberechtigter Mensch, doch da Shirley nur in der elitären, gehobenen Gesellschaft auftritt, fühlt er sich auch unter „seinesgleichen“ nicht heimisch. Er kennt nicht einmal die Musiken von Aretha Franklin oder Little Richard, er wirkt auch durch seine Körperhaltung, Ausstrahlung, Kleidung oder durch seine Marotten völlig Weltfremd. Entsprechend haben er und Tony auch immer wieder Streitgespräche, weil das einfache Gemüt Tonys dazu führen, dass er den Doctor unbewusst beleidigt. Auch die Attitüde von Aufrichtigkeit, Demut, Respekt und Integrität werden von Shirley gelebt, sind Tony aber gänzlich fremd. Und dennoch entwickelt sich auch Shirley während der Fahrt und so endet dieser Road Trip in einer engen Freundschaft, die in echt auch bis zum Tod der beiden im Jahr 2013 hielt.

Die Freundschaft mit Shirley sorgte am Ende vermutlich auch dafür, dass der echte Tony Lip sogar Einzug in Hollywood fand, so spielte er unter anderem in den Filmen „Der Pate“, „Donnie Brasco“ oder „Good Fellas“ mit und gab zudem in 11 Folgen der HBO-Serie „Die Sopranos“ den Mafia-Boss Carmine Lupertazzi. Auf der anderen Seite behauptet Shirleys Bruder Maurice, dass Don Tony nie als Freund angesehen hätte, sondern immer nur als Angestellten. (Im Film wiederum wird erzählt, dass Don und Maurice seit Jahren nicht mehr miteinander gesprochen hätten. Was da wohl nun stimmt?)

Für den Film ist es erstmal nicht wichtig, wie viel Realität und wie viel Fiktion in der Geschichte steckt. Man erhält großartige Dialoge, eine gehörige Portion gelungenem Witz und auch die Message, wie idiotisch die Rassentrennung in den USA war, kommt sehr gut an. Sie ist nicht mit dem Holzhammer vermittelt wie z.B. in Selma oder Hidden Figures. Sonden sie ist der eigentliche Antagonist, übertragen auf viele kleine Details wie eben besagte Restaurantszene, aber auch dass zum Beispiel viele seiner Auftritte in alten Villen der Sklavenhalter abgehalten werden, die durchgehend schwarze Butler beauftragen. Oder dass Shirley keine Kneipe betreten kann ohne von Landeiern verprügelt zu werden bis hin zu gaffenden Teenagern, weil im Auto der schwarze hinten sitzt und der weiße fährt. All dies zusammen macht Green Book zu einer sehr gelungenen Komposition. Es gibt wirklich NICHTS an diesem Film auszusetzen. Und seine Chanchen, den Oskar zu gewinnen schätze ich sogar noch etwas höher als bei The Favourite ein. Ich liste ihn auch in meiner Persönlichen Highlightskala über ihm ein, denn wo auch The Favourite perfekt in sich war und grandiose Schauspielerische Leistungen bot, so hatte dieser auch noch eine Message, die perfekt inszeniert wurde. Von daher ohne Zweifel. Auch für „Green Book“ gibt’s 6 von 6 Oskars!

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